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Turmschatten

TurmschattenEin spektakulärer Fall von Selbstjustiz versetzt eine Kleinstadt in Aufruhr. Drei Neonazis werden im Keller eines Turms festgehalten, der Geiselnehmer überträgt das Ganze live im Netz und fordert seine Zuschauer zum Voting auf: Freilassung oder Hinrichtung? Gleichzeitig beginnt eine großangelegte Befreiungsaktion. Womit die Polizei nicht gerechnet hat: Sie haben es mit einem ehemaligen Mossad-Agenten zu tun, der nicht bereit ist zu verhandeln … Ein packender Thriller, der die Grenzen von Gut und Böse aufhebt. Wer hat das Recht auf seiner Seite, und wo fängt Unrecht an? Was muss ein Mensch getan haben, um den Tod zu verdienen?
 
Was ist gut, was ist böse? Erkenne ich das Böse daran, dass es mit gescheitelter Frisur, Baseballschläger, Bomberjacke und Springerstiefeln durch Innenstädte zieht, dabei Parolen skandiert, die mir kalte Schauer auf den Rücken treiben und die Zeiten wiederhaben möchten, die zu den dunkelsten unserer (jüngeren) Geschichte gehören? Sind es „die Guten“, die selbst Opfer des Holocaust waren, die als rechtschaffende Menschen in Deutschland, der Heimat ihrer Feinde wohnen und versuchen, sich mit denen zu versöhnen, deren Vorfahren einst ihre Familien auslöschten? Wer darf was? Wo sind Grenzen zu ziehen und ist Selbstjustiz in einer gewalttätigen Begegnung aus rechtsradikal eingestellten Personen und Juden eine verständliche Lösung dieser Konflikte? 
All diese Fragen stellt man sich in dem von Peter Grandl verfassten Buch „Turmschatten“. Denn genau darum geht es. Wir lernen Ephraim Zamir kennen. Seine Familie wurde von den Nazis während des Holocaust ermordet. Er selbst überlebte diesen als Kind. Gezeichnet von Versuchen, die Lagerarzt Josef Mengele an ihm und seinem Bruder verübte, hatte er sich eigentlich geschworen, nie wieder nach Deutschland zurückzukehren. Doch dann beschließt er, die alte „Heimat“ wieder aufzusuchen und dort seinen Lebensabend zu verbringen.
Während er sich im Alltag immer wieder von seiner Vergangenheit eingeholt sieht, versucht er nach außen hin Gutes zu tun. So unterstützt er die Gemeinde seines Ortes mit einer Spende, um den Bau einer Synagoge voranzubringen. Doch eine Gruppe von Neonazis stört sich daran und versucht, den Bau zu vereiteln und den Mäzen zu attackieren. Als bei dem Angriff die drei Männer zurückzuschlagen, sperrt er sie im Keller seines Turmes, der in Kriegstagen den Nazis des Ortes Schutz vor den Bombenangriffen der Alliierten bot, ein. 
Nun will Ephraim (symbolisch) für ein Stück Gerechtigkeit sorgen und plant, seine spontane „Geiselnahme“ über das Internet zu streamen und die Bevölkerung an der Entscheidung zu beteiligen, was mit den drei Neonazis passieren soll. Leben oder Tod – beides steht auf dem Spiel… 
Außerhalb des Turms versuchen in der Zwischenzeit Spezialeinheiten die Situation zu entschärfen. Dass jedoch Ephraim Zamir ein ehemaliger Agent des israelischen Geheimdienst Mossad ist, ahnen sie nicht. Natürlich hängen sich auch „die Medien“ ins Geschehen und heizen die ohnehin schon angespannte Lage ordentlich an…
 
Dem Autor, Peter Grandl, gelingt es, mit diesem Buch einerseits Grenzen zu überschreiten, andererseits zum Nachdenken anzuregen. Er erschafft eine von Anfang bis Ende spannende Story zu entfalten, die die Sicht auf das, was „die Guten“ und „die Bösen“ auszumachen scheint, verändert und aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet. Als auktorialer Erzähler zeigt er nicht nur die äußere Situation, in der sich sowohl die jüdische Bevölkerung in den vergangenen 80 Jahren und auch wieder in der Gegenwart ausgesetzt sieht, sondern blick auch in die Gedankenwelt der Neonazis hinein, ohne etwas zu verherrlichen oder zu beschönigen. Nicht immer eine einfache Kost, aber durchaus lesenswert und wichtig. Eingebettet ist die Handlung in historische Gegebenheiten und Zusammenhänge, die die fiktionale Handlung noch glaubwürdiger erscheinen lässt. Denn obwohl die Neonazis ziemlich extrem geschildert sind, ist hinlänglich bekannt, dass hier nicht mit übertriebenen und pointierten Klischees gearbeitet wird, sondern diese „Gestalten“ auch im wahren Leben zuhauf zu finden sind. 
Dass der Autor die Charaktere von Kapitel zu Kapitel wechselt und Zeitsprünge vorkommen, mag zunächst verwirrend erscheinen, ist im Verlauf der Handlung aber gut zu lesen und nachzuvollziehen, auch wenn es nicht gerade wenige Protagonisten gibt. Dadurch, dass jeder Charakter ausgiebig vorgestellt und sein Handeln und Tun entfaltet wird, kann man die Vielschichtigkeit besser nachvollziehen. Schwarz-weiß Zeichnungen sind hier nicht zu finden. Stattdessen setzt der Autor auf viele Nuancen, um seine handelnden Figuren darzustellen. Und obwohl die Seiten zunächst klar zu sein scheinen, muss das Agieren aller Beteiligten hinterfragt werden. Egal ob die Seite der Neonazis, die einer rassistischen Theorie aus dunkelster Zeit anhängen, die der Polizei, welche sich in einer (moralischen) Zwickmühle befindet, die des jüdischen Mitbürgers, der vom Opfer zum Täter werden kann und die der Medien, die für eine gute Quote quasi über Leichen gehen. Diese Gedanken sollte 9der Leser bzw. die Leserin auch mit ins echte Leben nehmen und über das eigene Verhalten, das der Gesellschaft, der Politik etc. nachzudenken und aufmerksamer zu werden.
 
Die inn-joy Redaktion vergibt 9 von 10 Punkten.
 
Die inn-joy Redaktion bedankt sich beim Verlag Das Neue Berlin für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.
 
Titel: Turmschatten
Autor: Peter Grandl
Herausgeber: Das Neue Berlin; 1. Edition (28. Februar 2020)
ISBN-10: ‎3360013565
ISBN-13: 978-3360013569
 
L. Zimmermann
 

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