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Kingdom Come: Deliverance | Review (Xbox One)

KingdomComeBild1Rollenspiele, wie wir sie bislang kannten, haben immer einen Hauch von Fantasy abgebildet oder übersinnliche Elemente zum Thema gehabt. Die Realität, so wie sie einstmals gewesen ist, haben sich die Spieleentwickler dabei nie auf die Fahnen geschrieben. Wer will auch stundenlang durch Wälder laufen, nur um Hasen zu jagen? Wer will mühsam lesen lernen, wenn er auf einfache Weise Zaubersprüche bereitgestellt bekommt? Wer will einen Schwertkampf führen, wie er im 15. Jahrhundert gefochten wurde? Falls ihr bei diesen Fragen „Ich!“ gedacht habt, dann könnte vielleicht das gerade erschienene RPG „Kingdom Come: Deliverance“ von Warhorse Studios aus Tschechien etwas für euch sein. Wir haben uns die Xbox One-Fassung geschnappt und verraten euch, wie uns die Zeitreise ins virtuelle Böhmen des 15. Jahrhunderts gefallen hat.

Ein Heinrich ist ein Heinrich und bleibt ein Heinrich

In KCD (so die Abkürzung des Titels) schlüpft ihr in die virtuelle Haut des jungen Heinrich, Sohn eines Meisterschmieds in einem Dorf im schönen Böhmen des 15. Jahrhunderts. Wie in den meisten Rollenspielen, so seid ihr auch hier zu Beginn des Spiels quasi ein Niemand und besitzt keinerlei Reputation. Als Sohn des Schmieds müsst ihr euch eure Sporen erst einmal verdienen. Allerdings werdet ihr bis zum Ende des Spiels weder ein Meisterdieb, noch ein Magier oder ein Drachentöter sein. Ihr bleibt der Sohn des Schmieds. Lediglich eure Attribute können im Laufe der Zeit verbessert werden. Auch gibt es hier keinen Charaktereditor oder enorm verzweigte Skilltrees. Wer so etwas sucht, der ist bei KCD komplett fehl am Platz.

Was bereits in der ersten halben Stunde nach dem Intro auffällt, ist, wie sehr das Spiel von seiner Story, die in gut gemachten Cutscenes vorangetrieben wird, lebt. Die Geschichte des jungen Heinrichs steht der Story von „The Witcher 3“ in Sachen Dramatik, Abwechslung und Spannung kaum in etwas nach. Doch bereits zu Beginn geht das Spiel einen anderen Weg, als die Genre-Konkurrenz. Denn das Tutorial ist recht lang und führt euch nur oberflächlich in die Spielmechanik ein.

Die Quests, die ihr anfangs erfüllen müsst, sind recht einfach. Ihr müsst für euren Vater Dinge erledigen, damit er ein Schwert schmieden kann. Während ihr euch also auf ins Dorf macht, unterhaltet ihr euch mit den zahlreichen NPCs, feilscht mit Händlern, da ihr kaum Geld bei euch habt, lasst euren Charme spielen, rauft euch mit anderen Personen und spielt einem aufgeblasenen Fremdling einen fiesen Streich.

Dass das Dorfleben allerdings nicht lange friedlich vonstatten geht, ist klar. Denn schon bald dringen fremde Invasoren ein und vernichten alles und jeden im Dorf. Auch Heinrichs Eltern werden Opfer der Soldaten. Heinrich gelingt es gerade noch, vor den Feinden zu fliehen. Denn Heinrich kann keine Waffe führen, um sich gegen die Soldaten zu stellen. Außer der Flucht bleibt ihm keine Alternative.

So kommt Heinrich an eine Burg, wo er zunächst aufgenommen wird. Auch hier muss er verschiedene Aufgaben erledigen. Die Quests sind im weiteren Spielverlauf teilweise recht umfangreich und abwechslungsreich. Mal muss ein Tatort untersucht werden, ein anderes Mal Wache geschoben oder ein Verdächtiger verfolgt werden.

KingdomComeBild2Um in der rund 16qm umfassenden Spielwelt überhaupt überleben zu können, habt ihr die Möglichkeit, euch im Schwertkampf und in der Waffenkunst ausbilden zu lassen. Hier liegt allerdings eines der Probleme von KCD. Denn anstatt das Kämpfen ein wenig komfortabler zu gestalten, haben sich die Entwickler dazu entschieden, den größtmöglichen Realismus ins Spiel zu bringen. Das hat zur Folge, dass Schwertkämpfe recht komplex und kompliziert zugleich sind, dass nicht immer klar ist, ob man getroffen hat, viel von Glück und Geschick abhängt und – aufgrund der unausgewogenen KI – Kämpfe mal leichter, mal schwerer zu gewinnen sind. Auch das Führen de Bogens ist fast schon ein Glücksspiel, habt ihr doch keinerlei Zielhilfen zur Verfügung. So werden selbst einfache Hasenjagden zu einer Herausforderung. Gut, dass man Heinrichs Werte in allen Bereichen verbessern kann. Aber selbst mit „geübter Klinge“ sind die Kämpfe noch immer fordernd und führen häufig zu Frustmomenten. Die Tatsache, dass Heinrich ausschließlich in der Egoperspektive zu steuern ist, sorgt manchmal ebenfalls für Frustmomente, da die Gegner (vor allem in den dichten Wäldern) nicht immer sofort auszumachen sind.

Ein zweites Manko ist das sehr gewöhnungsbedürftige Speichersystem. Denn Schnellspeichern gibt es bei KCD ebenso wenig, wir vernünftig gesetzte Checkpunkte. Die Entwickler lassen ihr Spiel immer dann automatisch speichern, wenn eine Quest aufgenommen wird oder wenn sie es für sinnvoll erachten und nicht, wenn ihr es denkt. Um zu speichern müsst ihr dann euer Bett in der Nähe haben oder einen recht teuren „Retterschnaps“ trinken. Dieser erstellt einen Speicherpunkt. Dummerweise hat der Alkohol natürlich auch seine Nebenwirkungen. Ebenfalls wenig gelungen ist die „Heilfunktion“. Denn wenn Heinrich im Kampf verwundet wird, kann er sich nicht aus dem Gefecht herausziehen, sondern benötigt ein entsprechendes Kraut oder Arznei, dass er vorab tunlichst beim Apotheker gekauft oder mit der nötigen Alchemie-Stufe selbst gebraut haben sollte. Anderenfalls verblutet er elendig. Realismus steht eben in jedem Moment im Vordergrund des Spiels. Um den Verletzungen ein wenig entgegen zu wirken, kann Heinrich Rüstungen bzw. Rüstungsteile kaufen, aus Truhen, die er zuvor mit einem Dietrich geknackt hat (was einem manchmal recht herausfordernden Minispiel entspricht) stehlen (ohne sich dabei natürlich erwischen zu lassen) oder von Toten entwenden.

Sollte Heinrich dann doch mal erwischt werden, könnt ihr hoffen, euer Charisma oder eure Redegewandtheit hoch genug gelevelt zu haben, um aus der brenzligen Situation zu entkommen Anderenfalls wartet das Verlies auf euch. Das Schöne ist, dass es in nahezu jeder Situation im Spiel verschiedene Möglichkeiten gibt. Je nachdem, wie ihr euch verhaltet, reagieren die NPCs auf euch. Und das könnt ihr wörtlich nehmen. Denn einmal Alarm geschlagen, verfolgt euch das halbe Dorf oder die halbe Armee einer Burg. Wer jedoch stets rechtschaffen ist und Gutes tut, zieht die Sympathien auf seine Seite und kann mit der Unterstützung der anderen Menschen rechnen.

Apropos andere Menschen: Jeder Charakter in KCD hat einen individuellen Tagesablauf. So seht ihr die Bauern auf dem Feld arbeiten, die Köhler bei der Herstellung der Kohle, die Priester in der Kirche, die Soldaten beim Bewachen der Burgen und Landschaften, die Händler beim Verkauf und Ankauf von Waren etc. Klar, dass dann ein Geschäft morgens noch geschlossen hat, um dann pünktlich um 8 oder 9 Uhr zu öffnen. Mittags wird dann eine Pause eingelegt und abends trifft man sich auf einen gemütlichen Plausch in der örtlichen Schenke. Da alles seinen Gang geht, könnt ihr euch den Tagesablauf ebenfalls zu Nutze machen, und im Schein der Dunkelheit Dinge stehlen, euch an schlafende Feinde heranpirschen oder rasten und warten, bis eine Queste weitergeht. Die Übersicht bleibt permanent erhalten, da das Spiel eine Karte und einen Kompass mit allen wichtigen Zielen und Lokalitäten anbietet. Über verschiedene Reiter könnt ihr durch die Untermenüs blättern. Denn es gilt, die Grundregeln des Lebens zu beachten. Was das heißt? Heinrich muss – wie die NPCs - natürlich ebenfalls schlafen, essen und ausruhen. Während einer Quest müsst ihr – ähnlich wie bei „Die Sims“ – auf die Grundwerte achten, um nicht übermüdet an einer Auseinandersetzung teilzunehmen, hungrig auf die Jagd zu gehen oder eine Lebensmittelvergiftung zu bekommen. Lediglich den täglichen Toilettengang haben euch die Entwickler erspart. So viel Realismus wollte man dann doch nicht ins Spiel einbringen...

KingdomComeBild3Halbe Häuser und tolle Weitsicht

„Kingdom Come: Deliverance“ basiert auf der CryEngine. Das ist vom Prinzip her erst einmal kein Manko. Doch leider haben die Entwickler von Warhorse Studios die eigentlich recht potente Engine nicht wirklich im Griff. Das mag damit zusammenhängen, dass man nur ein kleines Team ist und ein recht schmales Budget zur Verfügung hatte. Oder aber man hat die Konsolenpower nicht auszureizen vermocht. Denn leider krankt das Spiel an vielen grafischen Ungereimtheiten, technischen Schwächen, Clipping-Fehler, Glitches, Bugs etc. Auf der „Haben“-Seite verbucht KCD eine unglaublich dichte und tolle Atmosphäre, die wohl schönsten Mischwälder der Videospielgeschichte, realistisch in Szene gesetzte Landschaften, Charaktere, Bauten und Umgebungen sowie eine tolle Weitsicht und ein optisch ansprechend umgesetztes Wettersystem sowie einen stimmigen und stimmungsvollen Tag- und Nachtzyklus. Doch dann gibt es viele sichtbar aufpoppende Texturen, ins Bild fadende Häuser, von weitem extrem schwach texturierte Bauwerke, die auf einmal erst mit feinen Details dargestellt werden, Personen, die sich ineinander verhaken und etliche andere grafische Defizite. Auch bei den enorm motivierten und professionellen deutschen Synchronsprechern muss man Kritik aufbringen, da hier leider nur selten auf Lippensynchronität geachtet wurde. Darüber hinaus tauchen hin und wieder nicht ins Deutsche vertonte Sätze auf und – dies ist das größte Manko – sind die Dialoge teils grausam abgemischt worden. Während manche Charaktere ihre Sätze quasi herausbellen, sind andere Figuren kaum zu verstehen, obwohl Heinrich direkt daneben steht. Gut, dass es Untertitel gibt. Trotz des 23 GB großen Day One-Patches liegt audiovisuell einiges noch im Argen. Und dennoch schaffen es die Entwickler, eine glaubhafte Welt zu erzeugen, was dafür sorgt, dass man gerne und schnell ins virtuelle Böhmen des 15. Jahrhunderts abtaucht. Was mich persönlich wirklich geärgert hat, ist die Tatsache, dass die Entwickler bei einigen Quests nicht aufgepasst haben, was den Tagesablauf oder das Erscheinen entscheidender Charaktere anbelangt. So sollte Heinrich beispielsweise eine Rüstung entgegennehmen. Doch der Soldat, der ihm die Rüstung aushändigen sollte, kam weder am Tag, noch in der Nacht. Im weiteren Spielverlauf sollte Heinrich Banditen eliminieren. Diese waren jedoch nicht zu finden. Lediglich ein Wildschwein wurde von ihm angetroffen. Wartete Heinrich dann im Dickicht auf die Banditen, wurde er unterdessen getötet. Auch solche Schnitzer dürfen nicht sein!

Fazit: Aktuell kann und will ich „Kingdom Come: Deliverance“ noch keine finale Wertung geben. Dies liegt daran, dass die Entwickler versprochen haben, einen weiteren Patch für die Konsolen nachzureichen, der die groben Fehler ausmerzt. Dies ist auch dringend nötig. Denn trotz des umfangreichen ersten Patches sind noch zu viele Bugs, grafische Schwächen und andere Probleme enthalten. Aktuell würden es 7 Punkte sein. Warten wir noch einige Tage und geben den Entwicklern eine faire Chance, wenngleich natürlich sich jeder ärgert, der bereits sein Geld in das Spiel investiert hat. Denn auch wenn der Realismus enorm ist, ihr viele Möglichkeiten habt, Quests zu lösen, die Story gelungen ist und es viel Spaß macht, sich im virtuellen Böhmen des 15. Jahrhunderts umzusehen, Aufträge zu lösen und Heinrichs Charakter weiter zu entwicklen, sind die Probleme aktuell zu mannigfaltig, das Kampfsystem zu unausgegoren, die KI nicht richtig balanciert etc. um eine bessere Wertung zu ergattern. Wirklich loben muss man das Entwicklerteam allerdings dafür, dass es mit Traditionen bricht, einen ganz eigenen Weg geht, sich dabei von niemandem von der Marschrichtung abbringen lässt und versucht, Realismus und Historie geschickt mit den Möglichkeiten einer virtuellen Umgebung zu verknüpfen. Sollte Warhorse Studios sich für einen Nachfolger entscheiden, wäre es schön, denn es einen „realistischen“ und einen „einsteigerfreundlichen“ Modus gäbe.

U. Sperling

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