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Red Dead Redemption II | Review (Xbox One)

RDR2Bild1Als Redakteur und Tester von Videospielen soll man eigentlich stets unvoreingenommen an eine Review gehen. Doch im Alltag ist dies kaum möglich. Oft hat man bei Spielen schon gewisse Erwartungen und (Vor-)Urteile, die eine objektive Sichtweise erschweren. Dann schaut man möglicherweise, ob es einen anderen Kollegen im Redaktionskader gibt, der die Reihe noch nicht kennt, der vom Spiel wenig gehört hat oder vielleicht beim Release eines Vorgängers noch zu jung war, um diesen zu kennen. Im Falle von „Red Dead Redemption II“ aus dem Hause Rockstar Games war es natürlich schwierig. Denn jeder kennt die „GTA“-Reihe, keiner unserer Redakteure ist so jung, dass er nicht mindestens die letzten drei Titel von Rockstar Games gespielt hat und von Objektivität kann bei Spielen des Publishers sowieso per se nur schwer gesprochen werden, hat man bei Rockstar Games in den vergangenen Jahren doch stets spielerische Meilensteine erschaffen, die entweder ein Genre wie kein anderes Spiel geprägt haben, die zu äußerst hitzigen Diskussionen führten oder die einfach eine emotionale, spielerische und facettenreiche Meisterleistung waren. Klar, dass all das auch auf das neuste Spiel von Rockstar Games zutreffen müsste. Dessen waren wir uns alle im Vorfeld einig.

Denn wenn Rockstar Games ein neues Spiel auf den Markt bringt (was zum Glück derart selten ist, dass man bereits von vornherein weiß, dass hier nur wieder etwas Großes erscheinen kann), dann jubeln Fans und Kritiker gleichermaßen. Und so ist es kein Wunder, dass „RDR2“ bei nahezu allen Kolleginnen und Kollegen der schreibenden Zunft Wertungen über 90% abräumte. Ob das Prequel zu „Red Dead Redemption“ auch uns überzeugen könnte, verraten wir euch im folgenden Test, den wir auf Basis der Xbox One-Version verfasst haben.

Die Sache mit Blackwater

Wie schon beim Vorgänger, so spielt auch bei „Red Dead Redemption II“ die Story eine gewichtige Rolle. Diese wurde von den Entwicklern im Jahr 1899 angesiedelt. Kurz vor der Jahrhundertwende war die Industrielle Revolution in vollem Gange und der Amerikanische Bürgerkrieg knapp 34 Jahre vorbei. Doch die Spuren des Krieges waren an vielen Stellen noch sichtbar und die Menschen, die in dieser Zeit lebten, waren zwischen der „alten“ Zeit und der „neuen“ Zeit mit ihren Eisenbahnen, ihrem schnellen Puls und ihrer Betriebsamkeit hin und her gerissen. Und genau das spiegelt sich in jeder Faser des neuen Spiels von Rockstar Games. Denn auf der einen Seite haben wir den „Wilden Westen“, so wie man ihn aus unzähligen Romanen und Filmen kennt, während wir auf der anderen Seite die „neue“, die industrielle Zeit haben, die einen ganz anderen Takt vorgibt und mit dem „Recht des Stärkeren“ endgültig Schluss macht. Mitten drin befinden sich der Protagonist des Spiels, Arthur Morgan, und die Dutch Van der Linde Gang, zu der Morgan gehört. Die Bande erinnert ein wenig an die legendäre „James-Youger-Bande“, die zu eben jener Zeit unter anderem durch Zugüberfälle bekannt und berühmt wurde. Ob dies beabsichtigt oder rein zufällig ist, lässt sich nicht zweifelsfrei sagen. Doch gewisse Parallelen sind nicht von der Hand zu weisen. Über Arthur Morgan und seine Vergangenheit wissen wir zunächst kaum etwas. Erst im Laufe der Story, die sich über neun Kapitel erstreckt, die allesamt (rein von den Storymissionen her) sehr lang und umfangreich sind, erfahren wir immer mehr über Arthur und seine Vergangenheit. Das macht es interessant, da wir natürlich unbedingt mehr über ihn, seine Motive und Beweggründe erfahren wollen.

Da es sich hier um eine „Wild West Gang“ handelt, die wie gesagt wohl als historisches Vorbild möglicherweise die Gang um Jessie James und seinen Bruder Frank hatte, wundert es nicht, dass auch die Geschichte von Arthur und seinen Kollegen mit einem gescheiterten Raub beginnt. Zwar erleben wir diesen nicht direkt, dafür sehen wir jedoch die Gang auf ihrer Flucht durch die verschneiten Berge. Und diese Flucht hat es sowohl körperlich als auch seelisch für die Mitglieder der Truppe in sich. Während der ersten Spielminuten schaffen es die Entwickler bereits aufzuzeigen, wohin der neuste Geniestreich des Studios gehen soll: Eine intensive Story mit einer extrem dichten Atmosphäre und einer grandiosen, lebendigen Spielwelt soll geschaffen werden. Dies gelingt bereits innerhalb des quasi spielbaren Intros hervorragend. Wenn Arthur, Dutch und die anderen sich durch den Schnee voran quälen, die Laternen nur fades Licht in die Landschaft abgeben und alles wirkt, als wäre der Tod näher als das Leben, dann gehört das mit zu den intensivsten Erlebnissen des Spielejahres 2018. Verstärkt wird die Atmosphäre auch durch die Dialoge, die wieder einmal auf allerhöchstem Niveau geschrieben und vertont wurden. Klar: Man spielt hier mit Klischees und lässt die Sprecher teilweise übertrieben breit ihre Texte artikulieren. Aber das gehört einfach dazu. Unterhalten könnt ihr euch jedoch nicht nur mit den „aktiven“ Figuren, sondern auch mit den unzähligen NPCs, die die Spielwelt bevölkern. Je nachdem, ob ihr ihnen mit einer freundlichen Begrüßung begegnet, sie bedroht oder gleich mit der Waffe auf sie zielt, um sie zu verschrecken, reagieren sie anders und „merken“ sich eure Aktionen und Reaktionen. Solltet ihr also entsprechend freundlich vorgehen, werden sich die Menschen auch entsprechend beim nächsten Aufeinandertreffen euch gegenüber verhalten. Schlagt ihr alles zusammen und verprügelt am hellichten Tag unschuldige Zivilisten, könnt ihr davon ausgehen, dass ihr entsprechend aus der Stadt gejagt werdet oder beim örtlichen Sheriff „vorsprechen“ dürft. Im Spiel passierte es uns leider das eine ums andere Mal, dass wir einen NPC „mundtot“ machen wollten, dabei allerdings ertappt wurden, versuchen wollten, den Zeugen zu stellen, und beim „entsorgen“ des Zeugen erneut von einem weiteren Zeugen beobachtet zu werden. Daher ist es wichtig, stets überlegt vorzugehen, oder zu schauen, ob potentielle Zeugen in der Nähe sind. Immerhin: Werdet ihr gejagt, könnt ihr euch freikaufen, Zeugen aus dem Weg räumen oder eine Zeit unauffällig bleiben, bis Gras über die Sache gewachsen ist. Voraussetzung ist natürlich, dass es kein Mord ist und keine entsprechenden Beweise gegen euch vorliegen.

RDR2Bild2Für Einsteiger und Veteranen

Behutsam und niemals aufdringlich führt euch das Spiel innerhalb der ersten Stunden in das Gameplay ein und nimmt so Einsteiger und Veteranen von Rockstar-Titeln gleichermaßen mit. Die Steuerung ist gut durchdacht und geht gut von der Hand. Mittels Y-Taste schwingt ihr euch beispielsweise auf euer Pferd, mittels Stick bewegt ihr euch oder über einen Druck auf den A-Button läuft Arthur. Dabei setzt Rockstar (wie bei der gesamten Steuerung) auf Realismus. Das heißt: Arthur flitzt nicht wie ein Wiesel durch die Gegend, sondern geht recht gemächlich und kann nur über kurze Strecken laufen, bevor die Energie verbraucht ist. Hat er beispielsweise ein gejagtes Tier geschultert, verlangsamt sich sein Tempo zusätzlich. Das mag nicht jedermanns Geschmack sein, ist aber nur logisch. Denn seien wir mal ehrlich: Habt ihr jemals John Wayne in einem Film rennen sehen?

Deckung muss man bei „RDR2“ übrigens suchen. Automatisches in Deckung gehen klappt nicht, was ebenfalls mit dem Realismus-Anspruch einhergeht. Wer mag, kann auf automatischen Zielfokus während eines Feuergefechts setzen, oder diesen deaktivieren. So bietet Rockstar Games auch bei den Shootouts Anfängern und Profis gleichermaßen Spaß am Spiel. Aus dem Vorgänger bekannt ist die Zeitlupe, der so genannte „Dead Eye“-Modus. Aktiviert ihr diesen, wird das Geschehen um euch – ähnlich wie beim Urvater der Bullet Time, Max Payne – verlangsamt und ihr könnt bei größeren Gegneraufkommen besser die Feinde ausschalten. Ein klein wenig bricht Rockstar Games dann allerdings doch mit dem Realismus, wenn es für gute Leistungen Trophäen in Gold, Silber oder Bronze gibt.

Von Ringen und Kernen

Wie bereits erwähnt sind die Gesundheit und auch die Ausdauer (bei Arthur und seinem Pferd) sowie das Dead Eye (für Arthurs Schießkünste) elementare Bestandteile von „Red Dead Redemption 2“. Diese werden im so genannten „Kernesystem“ dargestellt. Die Kerne werden von Kreisen begleitet. Rennt ihr, reitet ihr mit hohem Tempo nutzt ihr das Dead Eye oder andere kräftezehrenden Aktivitäten, leert sich der Kreis. Mit leerem Kreis verlangsamen sich die Eigenschaften. Nach einer Weile füllt sich der jeweilige Kreis automatisch auf. Wichtiger sind jedoch die Kerne, die nie ganz leer sein dürfen und sich verbrauchen, wenn ihr beispielsweise längerer Strecken laufen müsst, was gerade bei einer Flucht schnell passieren kann. Gleiches gilt natürlich auch für euer Ross. Wenn es schnell gehen muss, könnt ihr auch etwas essen, trinken oder ein Tonikum (bei angeschlagener Gesundheit in einem Gefecht) zu euch nehmen, um die Kerne sofort zu füllen. Daher raten wir, vor einer Mission die Kerne aufzufüllen, um nicht auf einmal das Nachsehen zu haben. Die beste und effektivste Methode stellt das Schlafen dar. Hierdurch füllen sich die Kerne wieder komplett (mit Ausnahme des Dead Eye) auf. Ringe können auch verstärkt werden, sodass es länger braucht, bis ein Ring sich leert oder sie werden sogar von euch verbessert, was beispielsweise durch häufiges Schwimmen, Jagen oder andere Dinge geschieht.

RDR2Bild3Hier lebt die Welt tatsächlich

Wie bereits erwähnt, bietet auch „RDR2“ eine umfangreiche Geschichte und unzählige Nebenmissionen. Während ihr mit der Story rund 50 Stunden befasst seid, blähen die Nebenquests das Spiel noch einmal um das Doppelte auf. Für lange Spieleabende ist also gesorgt. Natürlich muss sich der Titel in Sachen Storytelling mit Schwergewichten wie „The Witcher 3“ messen. Hier kann „RDR 2“ ebenfalls überzeugen, was an den facettenreichen Charakteren liegt, der toll geschriebenen und inszenierten Handlung (wenngleich diese erst ab Kapitel vier so richtig an Fahrt aufnimmt) und den starken Nebenaufgaben sowie den gelungenen (leider erneut ausschließlich englischen) Dialogen. Was aber „RDR 2“ von anderen Mitbewerbern abhebt und den Titel damit auf eine neue Stufe in Punkto Glaubwürdigkeit der Spielwelt hebt, ist die „indirekte“ Handlung. Was bedeutet das genau? Während andere Genrevertreter gerne mal großspurig behaupten, dass ihre Welt lebt und die Einwohner einem Tagwerk nachgehen, stimmt dies bei „Red Dead Redemption II“ tatsächlich. Und nicht nur das: Die NPCs reagieren sogar auf euch und euer Verhalten direkt und indirekt. Habt ihr euch über Tage nicht gewaschen, rasiert oder tragt dreckige (und möglicherweise sogar blutverschmierte) Kleidung, hat dies Auswirkungen auf das Verhalten der Figuren. Habt ihr einen Saloon „fachgerecht“ auseinandergenommen, könnt ihr am nächsten Tag sehen, wie er wieder von den Stadtbewohnern aufgebaut wird. Reitet ihr durch die weitläufigen Gegenden, hört ihr nicht selten Gespräche, die sich um euer Verhalten und das der Gang drehen. Aber – und da setzt Rockstar Games ebenfalls einen neuen Meilenstein – auch die Geschichte der USA ist ständiges Thema. Veteranen unterhalten sich über den Bürgerkrieg, Rassisten über die afroamerikanischen Bewohner, die noch vor kurzer Zeit als Sklaven gehalten werden konnten oder die Indianer und auf ehemaligen Schlachtfeldern des Sezessionskrieges findet man verrostete Kanonen und Gewehre. All das macht die Welt so derart glaubwürdig und lebendig, dass es nur staunen lässt. Auch der Alltag der Menschen wird hiervon geprägt. So finden sich in Saloons Männer, die einfach nur vergessen wollen, was sie für Grauen erlebt haben, andere Bandenmitglieder, die gerne alles aufmischen und ihr Territorium verteidigen wollen, enttäuschte Mädchen, die auf ein schönes Leben in den Städten gehofft haben, sich aber nun das Geld als Dirne verdienen müssen, Tänzerinnen, die von einer großen Karriere träumen und viele andere Schicksale, von denen ihr manche innerhalb der Story erfahren werdet, manche, die ihr vielleicht durch eine Nebenmission kennenlernt und viele, die leider nur durch Zufall mit euch Bekanntschaft machen werden. Doch das macht den Reiz aus: Ihr könnt von einer Mission zur nächsten eilen, euch Stunde um Stunde im Spiel verlieren oder zwischen Geschichte und Geschichten und „freiem Spiel“ wechseln. Und warum nicht einfach mal angeln gehen, eine Runde Poker spielen oder Geheimnisse erkunden. Macht, was euch gefällt! Allerdings müsst ihr stets mit den Konsequenzen eures Handelns leben. Zwar wird die Story nicht grundsätzlich neu geschrieben. Doch kann zu viel „Bad Cowboy“ sein dazu führen, dass das halbe Land euch jagt und ihr eure Aufgaben nicht oder bedeutend schwerer erfüllen könnt. An einigen Stellen jedoch geht es nicht anders, als sich „ungesetzlich“ zu verhalten. Immerhin gehört ihr ja auch einer berüchtigten Gang an und seid dadurch nicht „Mr. Nice Guy“. Das ist bei „RDR2“ eben das Schöne: Ihr tut etwas, und die Umwelt reagiert darauf. Nicht wie bei anderen Genrevertretern, wo ihr einen Soldaten nach dem anderen meuchelt und nur über ein paar Meter gejagt werdet oder der Nebenmann keine Kenntnis davon nimmt, dass neben ihm gerade ein Mord begangen wird / wurde.

Dass es Rockstar Games wie kaum ein anderes Studio schafft, auf der Klaviatur der Emotionen virtuell zu spielen, wird an vielen Beispielen eindrucksvoll deutlich. So ritten wir beispielsweise durch Valentine und wurden urplötzlich von einer panisch schreienden Frauenstimme aus den Gedanken gerissen. Wir bremsten das Pferd und blickten über die Schulter. Was wir sahen, schockte uns: Am örtlichen Galgen wurde just in dem Moment ein Mann gehängt. Bevor wir möglichweise eingreifen konnten, sauste der Körper des Mannes mit einem Ruck zu Boden. Die Frau des Verurteilten sank weinend und schreiend neben in sich zusammen. Harter Tobak, aber im „Wilden Westen“ an der Tagesordnung. Ein weiteres, aber genau auf der anderen Seite der emotionalen Partitur angesiedelt, ist eine Szene, in der ihr im Saloon mit einem weiteren Charakter „kampftrinkt“. In Folge dieses Exzesses seht ihr den Saloon in verzerrter Sicht. Darüber hinaus scheint die vermisste „Zielperson“ auf einmal in jedem Gast des Saloons zugegen. Das Ganze endet in einer absolut skurrilen und amüsanten Tanzeinlage mit anschließendem Kater. So cool und stark inszeniert halt nur Rockstar! Und so stark bleibt es auch die ganzen ca. 50 Stunden über, bis ihr zum Schluss – je nachdem, wie euch im Spiel über gegeben habt – eines der insgesamt vier Enden erblicken könnt. Und da es sich bekanntlich um das Prequel zu „Red Dead Redemption“ handelt, wird zum Schluss auch die Anknüpfung zu eben jenem Spiel und zu John Marston, dem Protagonisten des ersten Teils (bzw. hier des Sequels) aufgelöst. Doch dafür müsst ihr nach den Credits unbedingt bis zum allerletzten Moment dran bleiben! (Die Marvel Filme lassen grüßen)

GTA Pferd

Ja, der Vergleich ist schon oft gezogen worden, lässt sich bei einem Titel von Rockstar Games aber kaum vermeiden. Denn böse Zungen könnten „Red Dead Redemption II“ auch als GTA mit Pferd bezeichnen. Und im Grunde genommen trifft das auch ein wenig zu. Denn das Pferd ist das „Hauptverkehrsmittel“ und muss dementsprechend behandelt werden. So müsst ihr eine Beziehung zu ihm aufbauen, es mit Nahrung versorgen und euch um sein Wohlergehen kümmern, indem ihr es striegelt, ihm anerkennend auf den Rücken klopft, es streicheln oder am Geschirr führt, damit es euch sicher von A nach B bringt und weitere Aktionen lernt, die ihr zu euren Gunsten einsetzen könnt. Darüber hinaus sorgen solche eine Bindung und Pflege auch für eine Verbesserung der Gesundheit und Ausdauer des Pferdes mit den bereits erwähnt entsprechenden Kernen und Ringen. Natürlich könnt ihr auch Wildpferde mit eurem Lasso einfangen zähmen oder in Orten neue Pferde kaufen und verkaufen (oder stehlen), Pferde in Stallungen unterstellen, neue Pferdeausrüstung kaufen, das Aussehen des Pferdes und seinen Namen ändern und anderes mehr.

Da sich „RDR2“ der Realität mehr als andere Genrevertreter verschrieben hat, seit ihr stellenweise über etliche Spielminuten nur im Sattel unterwegs und klappert diverse Punkte auf der Map ab. Eine Schnellreise im klassischen Sinne gibt es nicht. Weil euch auch das Geld fehlt, permanent mit dem Zug oder dem Schiff zu reisen, und beides nicht überall verfügbar ist, heißt es also „Pferde satteln und los“. Da ein Pferd nur eine bestimmte Menge an Waffen tragen kann (genauso wie ihr als Arthur Morgan) müsst ihr stets ein Auge auf die Transportmenge richten. Auch wenn ihr ordentlich craften und größere Taschen kaufen könnt, ist euer Gepäck immer limitiert. Vor einem Kampf empfiehlt es sich also zu überlegen, was man mitnimmt und was nicht. Mitdenken müsst ihr sowieso permanent, da nicht nur Arthur selbst mit Nahrung und der richtigen Kleidung versorgt werden will, sondern auch euer Lager, dass Dreh- und Angelpunkt in der Spielwelt ist. Ausreichend Lebensmittel, neue Gegenstände und genügend Geld sorgen für gute Laune und gefüllte Bäuche. Darüber hinaus will das Lager auch aus- und aufgerüstet werden, um euch mehr Möglichkeiten zu bieten wie größere Vorräte an Nahrung, Arzneien oder Waffen. All das solltet ihr im Spiel immer im Hinterkopf behalten, wenn ihr beispielsweise in einem Haus seid und dort nach Beute Ausschau haltet. Auch, dass das Spiel generell sich bedeutend langsamer anfühlt, als andere vergleichbare Titel. Aber dies dürfte nur in den ersten beiden Kapiteln als störend empfunden werden, da die Dynamik später deutlich anzieht. Was mir persönlich richtig gut gefällt, ist die „Companion App“, welche Rockstar Games kostenlos zur Verfügung stellt. Diese bietet euch acht verschiedene Features an.

RDRUnter dem Menüpunkt „Karte“ gibt es eine Übersicht über die Welt von „RDR2“ inklusive des Standortes von Arthur Morgan, der Gesundheit und Ausdauer von Arthur und Arthurs Pferd. Darüber hinaus werden wichtige Spots angezeigt. Auch Markierungen oder Wegpunkte können gesetzt (oder entfernt) werden. Diese seht ihr dann simultan im Spiel auf der Minimap und der großen Karte, die ihr ebenfalls im Spiel einblenden könnt. Der Vorteil des App liegt natürlich auf der Hand: Ihr müsst nicht ständig aus dem eigentlichen „Spielbildschirm“ rauswechseln.

Der zweite Punkt der App ist das Tagebuch. Hier findet ihr sämtliche Aufzeichnungen wie beispielsweise Texte oder Zeichnungen. So könnt ihr schneller Informationen zu wichtigen Orten oder Charakteren finden.

Reiter Nummer drei eröffnet den „Social-Club-Feed“, über den ihr Profilaktivitäten verwalten könnt. Ein Katalog (eine Art Journal mit Angeboten im Spiel) und ein Ratgeber (das Lösungsbuch) sind ebenfalls nutzbar. Auch eine Fortschrittsübersicht (die man sonst beim Speichern im Lager sehen kann) und das Handbuch sind verfügbar. Last but not least besitzt die App auch einen „Feed Update“-Punkt mit Support der Entwickler.

Grandiose Panoramen wohin man schaut

Dass es Rockstar Games bei all seinen Veröffentlichungen schafft, grafisch die Konsolen ordentlich zu fordern, um grandiose Welten zu erschaffen, ist allseits bekannt. Doch mit „RDR2“ geht Rockstar Games auch hier noch einen gewaltigen Schritt nach vorne und präsentiert nichts weniger als die abwechslungsreichste, immersivste und glaubwürdigste Spielwelt überhaupt. Die verschiedenen Regionen glänzen durch wunderschöne Panoramen, die Flora und Fauna sind vielfältig und gerade die Tiere im Spiel, von denen es rund 100 Arten geben soll, sind unglaublich realistisch gestaltet worden und alles scheint zu leben. Von den höchsten, schneebedeckten Bergen über die weiten, schier endlos scheinenden Prärielandschaften bis hin zu den aufkommenden Großstädten haben wir in bislang keiner Spielwelt derart grandiose Landschaften bestaunen können. Auch was das dynamische Wetter angeht, kann sich so manch anderer Entwickler mindestens zwei Scheiben abschneiden. Denn Gewitter sind nicht einfach da, sondern sie entstehen, breiten sich aus und entladen sich mit ohrenbetäubendem Donner und spektakulären Blitzen. Ein Novum ist (und dies habe ich so in noch keinem anderen Spiel gesehen), dass nach einem Gewitter an einigen Stellen wunderschöne Regenbögen zu bestaunen sind. Was die Städte anbelangt, ist mein persönliches Highlight Saint Denis im Süden. Dieser „Moloch“ steht im absoluten Kontrast zu den kleinen Städten wie Valentine. Hier drängen sich viele Menschen auf engerem Raum, ersetzten Fabriken Farmen oder Baumwollfelder, wurden Häuser bereits über mehrere Stockwerke errichtet, ist alles lauter und betriebsamer, sieht man Straßenbahnen und elektrisches Licht und spürt, wohin die Reise am Vorabend des 20. Jahrhunderts gehen wird. Dort wirkt ein Cowboy wie Arthur wie ein aus der Zeit gefallener Fremdkörper. Und dennoch versprüht Saint Denis ein unglaubliches Flair und zieht uns magisch in seinen Bann. Die dreckigen Gassen, die stellenweise maroden Häuser, an denen der Putz abbröckelt, die aus Stein gebaute Kirche im Mittelpunkte – all das wirkt unglaublich faszinierend – nicht nur auf einen Outlaw wie Arthur Morgan. Natürlich dürfen in so einer Stadt auch nicht der jugendliche Taschendieb fehlen, der Arthur beklaut und sich auf einem Pferdekarren aus dem Staub machen will und die Gang junger Männer, in deren Revier Arthur unfreiwillig gelangt. Beim örtlichen Barbier kann Arthur sich rasieren lassen und sogar der Friedhof von St. Denis spielt eine Rolle. Dies sind nur wenige Impressionen, die alle zeigen, wie unglaublich facettenreich auch hier Leben, Leid und Lügen beieinander liegen, wie glaubwürdig das Leben der verschiedenen Bevölkerungsschichten vermittelt wird und wie stimmungsvoll und stimmig die Welt wirkt. Auch die Charakterzeichnung ist extrem gut gelungen. Mir persönlich hat vor allem Sadie Adler gefallen. Man kauft ihr mit jeder Faser ihres digitalen Körpers ab, dass sie den Tod ihres geliebten Ehemannes rächen will und alles umnietet, was nicht bei 2 sich auf die höchsten Berge zurückgezogen hat. Frauen kommen sowieso in solchen Spielen viel zu selten vor. Ein wenig schade ist, dass man sich zu wenig der Minderheit schlechthin, den Indianern widmet. Denn im Gegensatz zu den afroamerikanischen Sklaven, die natürlich hier eine Rolle spielen, werden die Indianer nur am Rande erwähnt. Hier hätte ich mir gewünscht, noch mehr von ihnen und ihrem Schicksal, dass untrennbar mit dem „Wilden Westen“ und den Goldgräbern und Banditen historisch zusammenhängt, zu erfahren.

Bei all dem, was uns Rockstar Games hier bietet, kommt man aus dem Staunen kaum noch raus und meint hin und wieder, dass eine aktuelle Konsole doch kaum in der Lage sein kann, einen solchen Detailreichtum zu realisieren. Wenn man dann noch bedenkt, dass alles auf der Xbox One X in nativem 4K und fast gänzlich ohne Ladezeiten daher kommt, kann man nur vor den Entwicklern den Hut ziehen. Nur selten ruckelt es, tauchen Texturen etwas zu spät auf oder sind andere Texturen etwas verwaschen. Auch die Animationen, die Gestik und Mimik der Figuren, sehen bei den wichtigen Figuren grandios, bei den vielen NPCs zumindest gelungen aus. Dass es in einer derart gigantischen Welt auch hier und da zu Clippingfehlern und Bugs kommt, kann man da auch verschmerzen. Denn ansonsten wirkt wirklich alles, wie aus einem Guss. Wer über eine entsprechende Surround-Anlage verfügt, wird sich zudem über eine äußerst aktive Surround-Kulisse freuen, welche die Natur des Wilden Westens lebendiger wirken lässt, als man es in so manchem Hollywood-Film vorgesetzt bekommt. Ein klein wenig bemängeln könnte man, dass Rockstar Games erneut auf eine lokalisierte Fassung verzichtet und wir so gezwungen sind, am unteren Bildschirmrand mitzulesen, was doch hin und wieder etwas ablenkt. Immerhin sind die Untertitel gut und punktgenau. Ein wenig sonderbar ist, dass es hin und wieder in den Dialogen zu leichten minimalen Soundaussetzern kommen kann. Zunächst dachte ich, es läge am Kabel. Doch auch nach dem Tausch sollte sich das Problem nicht legen. Ein klein wenig schade ist, dass das Spiel nicht über Dolby Atmos verfügt, der Subwoofer recht sporadisch in Szene gesetzt wird (was vor allem bei stärkeren Waffen cool gewesen wäre) und dass es kein „echtes“ HDR gibt (Erläuterungen gibt es hierzu bei den Kollegen von Digital Foundry).

Doch es bleibt etwas, dass mich persönlich schon ein wenig geärgert hat. Und das ist „Kommissar Zufall“. So hatte ich beispielsweise eine Zielperson in einem Zug gestellt und mein Pferd in weiser Voraussicht am Bahnhof fest gemacht. Dann habe ich die Zielperson gestellt und alles war gut. Doch was passierte? Mein Pferd ritt neben dem Zug her (urplötzlich war es da) und wurde natürlich vom Zug getötet. Ein anderes Mal hielt ich mich in Strawberry auf. Aus heiterem Himmel (ich habe vorab immer die Einwohner gegrüßt und alles lief gut) wurde aus dem Hinterhalt von einigen Leuten auf mich geschossen, weil ich in Verbindung mit Dutch stand. Wie gesagt: Zu diesem Zeitpunkt war kein Kopfgeld auf mich ausgesetzt. Noch ein wenig später befand ich mich auf dem Weg nach Saint Denis. So weit, so gut – bis ein Reiter mit voller Wucht in mein Pferd hinein ritt und so meinem Pferd ernste Schäden zufügte. Natürlich ist es mit der KI immer so ein Ding, gerade in einer offenen Welt. Dennoch ist es nervig, wenn solche „Events“ auftauchen. Ebenfalls nervig ist, wenn die Steuerung nicht immer zu 100% reagiert oder es mit der Deckung nicht immer sofort funktioniert. So ist es mir einige Male in den Kämpfen passiert, dass ich die Taste für die Deckung gedrückt hatte und Arthur einfach nicht in Deckung ging. Erst als ich ein kleines Stück weiter ging (nur wenige Schritte), funktionierte das Ganze, obwohl ein breiter Fels vor mir war. Darüber, dass es bei jedem Häuten von Tieren dauert, bist Arthur selbige gehäutet hat, da jedes Mal dieselbe Animation abläuft, kann man geteilter Meinung sein. Im Netz finden dies viele Fans nervig bzw. zu brutal. Aber das gehört natürlich zum „Wilden Westen“ dazu.

Fazit: Ich könnte noch stundenlang weiterschreiben und noch unzählige Dinge aufzählen, die ein „Red Dead Redemption II“ anders und meist besser macht, als die Mitbewerber. Und mit Sicherheit werdet ihr – wenn ihr das Spiel bereits gespielt habt – diverse Punkte nennen, die es nicht in die Review geschafft haben (was auch mit einem möglichen spoilern zusammenhängt). Doch unterm Strich kann man es so zusammenfassen, dass Rockstar Games einen neuen Meilenstein im Genre veröffentlicht hat, der Maßstäbe setzt und an dem sich alle nach ihm erscheinenden Open World-Titel messen lassen 9müssen. Das mag für manchen Entwickler frustrierend sein und auch eine Sisyphos-Arbeit darstellen. Aber so ist das in der Branche nun einmal. Einer kommt daher und legt die Messlatte hoch und alle anderen üben das Springen. Rockstar Games zeigt, was mit der aktuellen Konsolengeneration noch technisch machbar ist und auch, dass sie mit zu denjenigen gehören, die auf Jahre hinweg den Weg vorgeben. Selbst wenn ihr kein allzu großer Fan von Western seid, solltet ihr dieses grandiose Spiel gespielt haben. Die von mir genannten wenigen negativen Punkte können – je nach Einstellung – bei jedem einzelnen von euch weniger oder stärker ins Gewicht fallen. Doch das ist natürlich Kritk auf allerhöchstem Niveau.

Die inn-joy Redaktion vergibt 9 von 10 Punkten.

Die inn-joy Redaktion bedankt sich bei Rockstar Games für das zur Verfügung gestellte Reviewexemplar.

U. Sperling

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