God of War: Ragnarök - Review (PS5)

| Marc Heiland | Konsolen
GoW1Kennt ihr das? Ihr schaut euch einen vermeintlichen Blockbuster an, von dem ihr wisst, dass er sehr lange in Produktion war und etliche Millionen Dollar Produktionskosten verschlungen hat. Nach den ersten paar Minuten denkt man sich: „nun ja, haut mich jetzt nicht vom Hocker, aber mal schauen, wo die Reise hingeht“. Wieder ein paar Minuten später merkt ihr, dass die Qualität des Films exponentiell abbaut bzw. nie da gewesen ist und nachdem ihr euch bis zur Mitte des Films gequält habt, macht ihr genervt den Film aus. (Danke fürs nichts, Marvels „Eternals“!) Und nachdem ihr Lebenszeit verbrannt habt, kommen diese Fragen auf: Wie kann man sich bitte bei so einem Endprodukt denken „Joa, so können wir’s raushauen, wird ein Welthit!“?? Oder ihr fragt euch, warum man euch nicht wenigstens 10% der Produktionskosten hätte überweisen können,  denn ihr hättet etwas Sinnvolles mit der Kohle anfangen können. Zum Beispiel einen Ententeich bauen oder das Geld einfach nur versaufen. Kennt ihr dieses Gefühl? Das Gefühl der endlosen Enttäuschung?  
 
Wenn ja, nehmt dieses Gefühl und schwingt es genau ins absolute Gegenteil über, dann habt ihr God of War: Ragnarök! 
Man könnte anstelle einer Rezession einfach nur „WOW!!“ schreiben und zwei bis drei (Tausend!) staunende Smileys (oder Emojis oder wie die Dinger auch heißen mögen) hinterhertragen und es wäre alles gesagt, das wäre aber zu einfach. Daher nun hier - spoilerfrei - ein ein wenig fundierteres Wow!
 
Fangen wir buchstäblich am Anfang an, also beim Startbildschirm: vor dem Spiel kann man allerlei Feinjustierung an Grafik und Sound vornehmen, sobald man sich „durchgeklickt“ hat, kann der Spaß losgehen. Ich spiele zu Hause mit einer Surround-Anlage und bin ein Fan von satten Sounds. Was dieses Spiel allein schon vom Sound her abliefert, ließ mich allein daheim mit einem Gesichtsausdruck grinsen, als ob mir eine Hirnhälfte fehlen würde. Selten hört man das knackende Umfallen der Bäume, den pfeifenden Wind oder das Schwingen von Äxten und Schwertern so glasklar, so wuchtig wie in diesem Spiel. Sofern man geeignete Kopfhörer zur Verfügung hat, kommt der Sound nicht weniger krachend daher; ich bin aber ein sehr soziales Wesen und ich fand, meine Nachbarn sollten auch etwas von diesem Spiel haben, daher: Anlage ;-)
 
Der zweite Punkt, an dem sich seit jeher die Geister darüber scheiden, ob dieser nun wichtig ist oder nicht, ist die Grafik. Ich selbst bin, seitdem ich spiele (seit 1990), nie heiß auf eine super Grafik gewesen. Klar, wenn sie nett anzusehen ist, wie damals bei Resident Evil 4, den Uncharted-Teilen oder eben God of War 1, nickt man zufrieden und freut sich, dass man sich freuen kann. Was aber hier in diesem Spiel geboten wird, stellt so ziemlich alles Dagewesene in den Schatten. Sonnenstrahlen, die durch den kahlen Winterwald brechen, nahezu fotorealistisches Wasser oder die an sich so wundervoll mit allerlei Liebe zum Detail gestaltete Spielwelt, ließen mir die Kinnlade um einen Meter alle paar Spielmeter fallen (#gelungeneswortspiel). Nicht nur die Spielwelt glänzt grafisch mit all ihren Faccetten, die Charaktere tun dies ebenfalls. Allen voran unser aller griechischer Lieblingsmiesepeter, doch dazu später mehr. 
 
Nun zur Steuerung: hier gibt es wenig Neues bzw. Überraschendes. Die Steuerung ist nahezu identisch zum ersten Teil, spielt sich sehr flüssig und das Feedback des DualSense Controllers macht einfach nur Spaß. Wie schon im ersten Teil, wird man hier in bei stumpfen Button-Smashing sehr schnell seine Kampftaktik neu überdenken müssen, erst recht auf den höheren Schwierigkeitsgraden, bei denen die Kämpfe doch teils sehr fordernd sind.
Nun aber zum Hauptgrund, wieso dieses Spiel ein Meisterwerk ist: die Story bzw. das Story-Telling. God of War ist ein Singleplayerspiel. Bei solch einem Spiel erwarte ich Unterhaltung aufgrund einer tollen Story. Und diese knüpft an den grandiosen ersten Teil an. Hinweis an dieser Stelle: wer den ersten Teil nicht gespielt hat, bitte unbedingt nachholen! Inhaltlich setzt dieser Teil eine Zeit später nach dem ersten Teil an, die Geschichte baut selbstverständlich aufeinander auf. 
 
GOW2Was in den ersten Spielminuten zum Tragen kommt bzw. wieder aufgegriffen wird, ist das im ersten Teil grandios thematisierte Vater-Sohn-Verhältnis der beiden Protagonisten. Auch hier sehen wir erneut einen Kratos, der an seine Grenzen stößt. Nicht an seine Grenzen als Krieger oder ewig Schlechtgelaunter, sondern seine Grenzen als Vater. Viel zu oft fehlt der väterliche Rat seinem Sohn gegenüber, den dieser so dringend gebrauchen könnte, oder ein paar warme Worte. In der oftmals wortlosen Mimik Atreus‘ zeigt sich, dass er mit dem Grunzen seines Vaters herzlich wenig in emotionalen Momenten anzufangen weiß. Kratos wiederum scheint innerlich eine Art Kampf zu kämpfen, ob er seinen Sohn nicht einfach stumpf-militärisch abhärten oder eben doch einmal Vater sein und ihm auch mal etwas Nettes sagen sollte. Er tut sich sichtlich schwer damit. Und die atemberaubende Grafik untermauert dies. Sie untermauert diese väterliche Überforderung eines Mannes, der seit jeher Schädel spalten kann wie sonst nur Conan, der Barbar, aber mit seinem eigenen Fleisch und Blut wenig anzufangen weiß, wenn es um das  Zwischenmenschliche geht. Dieser Umstand tut ihm leid. Und Kratos leidet. Und wie. Unter dieser von Narben übersäten, fahlen Haut, scheint irgendwo so etwas wie ein Herz versteckt zu sein. 
 
Und deshalb gefällt mir diese God of war-Reihe um ein Vielfaches besser als die alte Trilogie auf der PlayStation 2 bzw. 3: Kratos hat Tiefe bekommen. Er ist nicht mehr - etwas überspitzt formuliert - (nur) der laute, brüllende Halbgescheite, der ohne Sinn und Verstand Lust auf Stress hat. Er ist ein trauernder Wittwer, der hoffnungslos mit seinem gesamten Dasein teils überfordert, teils unzufrieden ist. Und er ist müde. Müde vom Kämpfen. Müde vom Krieg, der sich gerade jetzt zusammenzubrauen scheint. Und es wird episch! Und ich liebe es! 
 
B. Rosic
 
Zweite Meinung: Ich kann mich meinem werten Kollegen nur voll und ganz anschließen: God of War: Ragnarök ist ein Meisterwerk, wie es nur ganz wenige Studios erschaffen können. Sony hat den großen Vorteil, gerade im Bereich der Singleplayer-Titel ein ganz feines Händchen für gute „Drehbücher“ zu haben, wodurch Spiele entstehen, die Hollywood-Blockbustern in nichts nachstehen. Das Verhältnis von Kratos und seinem pubertierenden Sohn Atreus, ist noch intensiver als es im ersten gemeinsamen Auftritt der beiden war. Denn Atreus hat – nicht erst seit dem Tod seiner Mutter – viele Fragen, die Kratos ihm nicht beantworten kann oder will. Diese nagen an seiner Seele. Doch Atreus ist noch mehr als der Fragen stellende Sohn. Er ist eine helfende Hand in den bombastisch inszenierten Kämpfen, bei denen ihr - neben altbekannten – auch etliche neue Gegner kennenlernen werdet und die in Sachen Brachialität und Brutalität an die alten Titel der „Griechenland-Saga“ anschließen. Denn Atreus kämpft permanent über eigene Attacken oder über einen Druck auf die Quadrattaste. Darüber hinaus könnt ihr seine Fertigkeiten und Waffen – sowie die seines Vaters – über zwei Talentbäume freischalten. Dazu müsst ihr wieder jede Menge Items finden und Truhen öffnen. Was mich persönlich begeistern konnte sind – neben dem furiosen Sound (den ich über die Sony-Kopfhörer quasi in Dolby Atmos gehört habe) und der 10phänomenalen Grafik – sind die vielen neuen Figuren, die eingeführt werden und alle eigene kleine Geschichten zu erzählen haben, sowie ein Wiedersehen mit alten Bekannten. Das epische Finale schließt dann die nordische Mythologie ab. Bis dahin könnt ihr eines der besten Spiele aller Zeiten und mit Sicherheit auch das beste Spiel 2022 auf der PS5 genießen.
 
Die inn-joy Redaktion vergibt 10 von 10 Punkten.
 
Die inn-joy Redaktion bedankt sich bei SIE für die zur Verfügung gestellten Rezensionsexemplare.
 
M. Heiland
 

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