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Vorstellung und ausgewählte Sorten im Test: R-steray Coffee Atelier Essen

R SterayBild1Essen. Metropole, mitten im Herzen des Ruhrgebiets. Geprägt von Unternehmen wie Krupp und RWE, hat die Stadt im Laufe ihrer langen Geschichte schon unzählige wirtschaftliche, kulturelle und gesellschaftliche Wandlungen vollzogen. Für Fans von Spezialitätenkaffees ist Essen schon lange kein Geheimtipp mehr, sind hier doch zahlreiche hervorragende Kaffeeröster*innen mit ihren Manufakturen ansässig. Doch auch für uns, die wir nach mittlerweile fünf Jahren und beinahe 100 getesteten Kaffeeröstereien in Deutschland, Österreich und der Schweiz vorgestellt haben, sind es immer wieder Überraschungen, die unsere Arbeit so bereichern. Dies sind „spontane Entdeckungen“, Empfehlungen und zufällige Bekanntschaften, die wir überall gemacht haben. Über mehrere Empfehlungen sind wir so auch an das „R-steray Coffee Atelier“ in Essen-Schönebeck gekommen. Dieses wird von Eray Genc betrieben. Als SCA Coffee Roaster und „Coffee Sensory Master“ bringt er sein Wissen in die ganz unterschiedlichen Kaffeesorten und Röstungen ein, was nicht nur Hotels und Cafés zu schätzen wissen. Auch wir durften uns nun ein ausführliches Bild vom Sortiment des „R-steray Coffee Atelier“ machen.


Übersicht über das Sortiment
Aktuell (Stand 04/22) hat Eray Genc 10 Sorten im Portfolio. Vier dieser Sorten stammen von Microlots, eine Sorte ist eine Espressomischung. Die Sorten stammen aus Nicaragua, Costa Rica, El Salvador, Honduras, Äthiopien, Indien, Guatemala, Kolumbien und Peru. Spannend, dass Eray Genc hier verstärkt auf Kaffees aus Lateinamerika setzt, was allerdings einer breiteren Masse an potentiellen Kunden entgegenkommen dürfte, da florale und vor allem fruchtige Sorten doch weniger den Geschmack des Mainstreams abbilden.
Die Sorten können gemahlen für die Filtermaschine, den Handfilter, die Aeropress und die Stempelkanne oder als ganze Bohne erworben werden. Verkauft werden die Sorten zu je 250g, 500g und 1000g. Zu jeder einzelnen Sorte bietet Eray Genc Hintergrundinformationen zum Ursprung des Rohkaffees, der Anbauhöhe, der Aufbereitungsart, zum Tassenprofil und Zubereitungsempfehlungen.

Auf der Homepage finden wir einige allgemeine Informationen zu den Gegebenheiten des Ursprungskaffees vor Ort. Wie er angebaut und kultiviert wird etc. Dies finden wir jedoch nicht zu jedem Kaffee. Was schade ist, dass wir nichts darüber erfahren, wie der Kaffee importiert wird bzw. über wen (Direct Trade), was den Kaffeebauern vor Ort bezahlt wird und ob Gelder in soziale Projekte fließen oder es anderen Support im Sinne der Third Wave Coffee-Bewegung gibt. Hier wären noch einige Angaben mehr wünschenswert, da doch immer mehr Konsumenten gerne „from seed to cup“ alles offengelegt bekommen, was vor dem Genuss des Kaffees passiert.

Ausgewählte Sorten in der Vorstellung und im Geschmackstest
Für unseren Test haben wir von Eray Genc insgesamt sieben Sorten zugeschickt bekommen. Dies sind: „El Salvador – Ilamatepec“, „Colombia – Los Bucaros“, „Colombia – Finca El Rubi (Red Bourbon)“, „Costa Rica – Placeres del Llano“, „Guatemala – Hue Hue“, „Honduras – Lempira“, „Peru – Cajamarca“ und einen Espresso Blend.
Auffällig an den Verpackungen ist, dass Farbe hier Trumpf ist, da die angebotenen Sorten in diversen Farbvarianten vorzufinden sind. Die Beutel bestehen aus Papier und ein wenig Aluminium. Sie sind wiederverschließbar, was wir begrüßen, da so die Aromen länger erhalten bleiben. Die Verpackungen kommen mit einem Standboden daher, damit der Kaffee sich portionsweise besser entnehmen lässt. Auf der Vorderseite der Beutel finden wir den Namen des Kaffees, die Herkunft, den Charakter des Kaffees („Tassenprofil“) und die Aufbereitung, die Anbauhöhe und die Varietäten. Auf der Rückseite finden wir die Kontaktdaten, das Mindesthaltbarkeitsdatum, die Füllmenge des Beutels und eine Angabe dazu, dass es sich um gerösteten Kaffee handelt sowie die Errechnung des Röstdatums (1 Jahr vor dem MHD).

Zubereitung
Gemahlen haben wir die Sorten – wie immer – mit unserer Comandante C40 MK3 Nitro Blade für den Filter-Kaffee und der Baratza Sette 270W für den Espresso. Zubereitet haben wir die Sorten im Hario V60 Handfilter, im Kaffeevollautomaten und im Siebträger. Das Bohnenbild der von uns getesteten Sorten ist gut, Defekte sind fast keine zu erkennen. Auch das Röstbild ist sehr homogen.

„Los Bucaros“ – Kolumbien
Bei unserem ersten Testkaffee handelt es sich um einen kolumbianischen Kaffee, der aus der Region Antioquia stammt, in einer Höhe von 1600m – 1800m angebaut und gewaschen aufbereitet wird. Er liegt in der Varietät „Maragogype“ vor. Diese Varietät ist auch unter dem Namen „Elefantenbohne“ bekannt. Hierbei handelt es sich um eine Kreuzung von Arabica- und Libericabohnen. Die Maragogype fällt durch ihre überdurchschnittliche Größe auf. Daher auch die Bezeichnung als „Elefantenbohne“. Die Maragogype wurde benannt nach der gleichnamigen brasilianischen Hafenstadt. Maragogype-Bohnen sind besonders länglich und bis zu 40 % größer als Arabicabohnen. Im gerösteten Zustand können Sie eine Größe von bis zu 2,4 x 1,6 cm (Normale Kaffeebohne 1,0 x 0,7 cm) erreichen.

Unser Eindruck: Wer Maragogype-Bohnen aus Kolumbien kennt, freut sich schon bei Nennung des Namens auf eine besondere Spezialität. Der aufgebrühte Kaffee besitzt einen seidigen und vollmundigen Geschmack mit Noten von getrockneter Cranberry, Kakao und leichtem Tabak. Vielleicht nicht für die breite Masse gedacht – für Kenner aber umso interessanter. Der intensive Geschmack und der lange Abgang sorgen für ein langes Geschmackserlebnis im Mund.

Finca „El Rubi“ – Kolumbien
Unser zweiter Testkandidat stammt ebenfalls aus Kolumbien, genauer gesagt, von der Finca „El Rubi“ im Departements Huila. Die Finca wird von Heiner Lazo und seiner Frau sowie den gemeinsamen Töchtern bewirtschaftet. Seit knapp 30 Jahren veredeln die beiden ihren Kaffee und sind für ihre Spitzenkaffees, die in den Varietäten Pink Bourbon (Pink Bourbon wurde aus einer Mischung aus rotem und gelbem Bourbon kultiviert und soll erstmals in Pitalito, Huila, gefunden worden sein) und SL 28 in einer Höhe von ca. 1600m – 1800m angebaut werden. Den Namen hat die Finca daher, dass Heiner Lazo die Finca seiner Frau zur Hochzeit schenkte quasi als ein Rubin. Die Aufbereitung des Kaffees ist „honey processed“. Auch bei diesem Kaffee liegen wir bei einem Cupping Score von fast 90 Punkten.

Unser Eindruck: Ein spannender Kaffee, denn man so fast schon in Afrika verorten könnte. Denn mit seinem „fruit punch“ ist er für einen lateinamerikanischen Kaffee eher atypisch im Geschmack. Dies macht ihn jedoch äußerst spannend. Noten von Aprikosen, grüner Apfel, Pfirsich, Honig und Papaya sind ganz klar zu erkennen und wurden zu einem tollen Bouquet verquickt. Lässt man den Kaffee ein wenig abkühlen, kommt eine leicht zitrige Note hinzu und die Papaya tritt noch klarer in den Vordergrund. Ein wirklich toller Kaffee.

R SterayBild2„Placeres del Llano“ – Costa Rica
Kaffees aus Costa Rica zeigen häufig eine komplexe Süße, kombiniert mit feiner Säure, sanfter Textur und einer Reihe von Zitrus- und blumigen Noten. Angebaut werden auf Costa Rica ausschließlich Arabica-Sorten wie Typica, Caturra und Bourbon. Um die Kaffeeproduktion zu optimieren, hat die Regierung Costa Ricas vor Jahren damit begonnen, Umweltrichtlinien zu erlassen, die empfindliche Ökosysteme und die Zukunft der Kaffeeproduktion zu schützen. Costa Rica hat über 50000 Kaffeeproduzenten, fast alle davon mit weniger als fünf Hektar Farmland. In den Anbauregionen wurden in den letzten Jahren immer mehr kleinere Aufbereitungsanlagen eingerichtet, in denen einzelne Kaffeebauern oder auch kleine Gruppen die eigene Ernte aufbereiten können und so aufwerten und außerdem selber an Ankäufer aus aller Welt verkaufen können. Die Aufbereitung erfolgt nass, honey processed oder auch trocken. Das bekannteste Anbaugebiet Costa Ricas ist Tarrazu. Hier werden unter Schatten auf 1200m – 1900m vor allem Caturra und Catuai angebaut. Dort liegt auch „Placeres del Llano“.

Unser Eindruck: Der Kaffee verströmt bereits beim Öffnen der Verpackung ein facettenreiches Bouquet aus Mirabelle und einer leicht süßen Grundnote. Im Mund entfalten sich Anklänge von Erdbeere, Melone, Brombeere sowie die auf der Verpackung beschriebenen Beinote von Jasmin. Ein feiner Kaffee, der wunderbar zum Frühling passt.

„Hue Hue“ – Guatemala
Die Bohnen, die für diesen Filterkaffee zum Einsatz kommen, stammen aus Guatemala, genauer gesagt, aus Huehuetenango. In Guatemala finden sich die unterschiedlichsten Mikroklimata, von Berghängen bis zu Tiefebenen, die gemeinsam mit dem notwendigen Niederschlag und guten Böden für eine geschmacklich große Vielfalt sorgen. Insgesamt gibt es acht verschiedene Hauptregionen mit eigenem Geschmacksprofil. Ca. 270000 Hektar sind mit Arabica bepflanzt, im Südwesten gibt es Robusta-Anbau. Guatemala besitzt sowohl vom Regenwald geprägte Zonen, in denen der Kaffee so hoch angebaut wird, dass er oft in den tiefhängenden Wolken liegt, als auch vulkanische Bereiche mit trockenen Zonen im Südosten. Die nicht-vulkanische Hochebene von Huehuetenango (Departemento) ist die höchstgelegene Anbaufläche des Landes mit recht wenig Niederschlag und einer daraus resultierenden späten Ernte der Kaffeekirschen. Der dort geerntete Kaffee gehört mit zu den besten Sorten des Landes und konnte bereits einige Male beim „Cup of Excellence“ mit Noten um die 90 die internationalen Jurys überzeugen.
Der Kaffee wird in einer Höhe von 1000m – 1600m angebaut und gewaschen aufbereitet. Er liegt in den Varietäten „Bourbon“, „Catuai“, „Caturra“ und „Pache“ vor.

Unser Eindruck: Bereits beim Aufbrühen steigt ein feines Toffee-Aroma in die Nase, dass sich im Mund breit macht und dem Gaumen schmeichelt. Nach hinten raus schmeckt der Kaffee ein wenig krautig und eine knackige Säure kitzelt die Zunge. Im Abgang bleibt der Kaffee lange im Nachhall. Sehr lecker.

„Ilamatepec“ – El Salvador
Dieser Kaffee hat unser Osterfest 2022 dominiert und wurde von den Gästen begeistert angenommen. Wir würden ihn als „Terrassenkaffee“ bezeichnen, da man ihn sehr gut zum Kuchen bei einem gemütlichen Plausch mit der Familie und Freunden genießen kann. Die Noten von Milchschokolade und braunem Zucker bei einer leichten, nie die anderen Aromen überlagernden Süße, treffen den Geschmack der „breiten Masse“, was hier allerdings absolut positiv zu werten ist! Der in den Varietäten Bourbon und Caturra vorliegende, gewaschen aufbereitete Rohkaffee aus dem Herzen El Salvadors stammt aus der Region Ahuachapan im Nord-Westen El Salvadors und damit aus dem größten Anbaugebiet des Landes, wo der Rohkaffee unter Schatten angebaut wird.

„Lempira“ – Honduras
Honduras produziert vielfältige Geschmacksprofile, von weich, säurearm, nussig und toffeeartig bis zu säurereichen Kaffees, die fast schon in Afrika zu verorten sind. Das Land kämpft seit Jahren mit einer schlechten Infrastruktur und unzuverlässiger Aufbereitung. Mehr als die Hälfte des Kaffees stammt aus gerade einmal drei Departamentos. Kleinbauern bauen überwiegend Arabicas wie Pacas oder Typica an. Die Bäume werden ohne Chemikalien und vollständig unter Schatten kultiviert. Die Aufbereitung erfolgt im Regelfall gewaschen.

Unser Eindruck: Schon beim Aufbrühen macht der Kaffee Lust auf das, was da kommen wird. In der Nase machen sich fruchtige Noten bemerkbar. Beim leichten Abkühlen des Kaffees kommen florale Noten zum Tragen. So kann man getäuscht werden. Anklänge von Nussschokolade schmiegen sich im Mund an den Gaumen. Der volle Körper weiß hier zu begeistern und eine feine Würze begleitet den großartigen Gesamteindruck.

„Cajamarca“ – Peru
Last but not least haben wir noch einen Kaffee aus Peru aus der Region Cajamarca im Norden des Landes, wo rund 70 Prozent des Kaffees herkommen. Der Arabica wird in der Regel biologisch angebaut, gewaschen aufbereitet und liegt in den Varietäten Catimor, Caturra, Pache und Typica vor. Etwa 90 Prozent des Kaffees produzieren rund 120000 kleine Farmen, die zum Teil ungefähr zwei Hektar Anbaufläche bewirtschaften. Die Ostseite der Anden bietet dem Kaffee dort die perfekten Voraussetzungen für eine hervorragende Qualität. Die Wolken die an den Spitzen der Anden hängen bleiben, geben genug Wasser und sorgen für ausreichend Wind damit die Kaffeepflanzen dort wunderbar wachsen und gedeihen.
Die Qualität der peruanischen Kaffees hat in den letzten Jahren, dank Investitionen in Know-How verschiedener Kooperativen, stark an Qualität gewonnen. Die bessere Qualität der Kaffees bringt den Farmern wiederum die Möglichkeit weiter in die Ausbildung zu investieren.

Unser Eindruck: Der Kaffee ist mild, rund und ausgewogen und hat einen sehr weichen, ausgeprägten Körper und eine geringe Säure sowie eine elegante Süße. Noten von Haselnuss und Kakao mit ein wenig Zitrus im Nachklang und einer ganz geringen, sehr fein ausgeprägten Säure, zeichnen den Kaffee aus.

Fazit: Die von uns getesteten Sorten konnten uns geschmacklich überzeugen. In Sachen Nachhaltigkeit und Fairness könnte beispielsweise noch aufgezeigt werden, was den Kaffeebauern vor Ort genau gezahlt wird, in welche (sozialen) Projekte Geld fließt und wie der Kaffee bezogen wird (Stichwort: direct trade). Dennoch können wir den Kaffee absolut empfehlen.

Die inn-joy Redaktion vergibt 9 von 10 Punkten.

Zusammensetzung der Gesamtbewertung:
9Qualität: 9 von 10 Punkten
Fairness und Nachhaltigkeit: schwierig zu beurteilen
Geschmack: 9 von 10 Punkten
Transparenz: 7 von 10 Punkten

Die inn-joy Redaktion bedankt sich bei Herrn Eray Genc von der Kaffeerösterei „R-steray Coffee Atelier“ für die zur Verfügung gestellten Testexemplare.

D. Stappen

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