Die Dortmunder Inszenierung macht vieles richtig: Sie schafft eine passende, teilweise ausgesprochen stimmungsvolle Atmosphäre, überzeugt mit einem gelungenen Bühnenbild und einer sehr gut eingesetzten Beleuchtung. Gleichzeitig bleibt nach dem Besuch der Eindruck zurück, dass aus dieser Produktion noch etwas mehr hätte werden können.
Eine Geschichte mit großem Potenzial
„Rebecca“ basiert auf dem gleichnamigen Roman von Daphne du Maurier und erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die nach ihrer Hochzeit mit dem wohlhabenden Maxim de Winter auf dessen Landsitz Manderley kommt. Dort scheint die verstorbene erste Ehefrau Rebecca allgegenwärtig zu sein. Obwohl sie bereits tot ist, bestimmt sie weiterhin das Leben der Menschen auf Manderley – und insbesondere das der neuen Mrs. de Winter.
Gerade diese Mischung aus psychologischem Drama, Liebesgeschichte, Kriminalgeschichte und düsterem Geheimnis bietet eigentlich ideale Voraussetzungen für ein Musical. Das Publikum soll sich gemeinsam mit der namenlosen Protagonistin fragen, wer Rebecca wirklich war und was sich hinter der scheinbar perfekten Fassade von Manderley verbirgt.
Dortmund gelingt es durchaus, diese Atmosphäre einzufangen.
Manderley wird zum Mittelpunkt der Geschichte
Im Zentrum von „Rebecca“ steht die junge Frau, die nach ihrer Hochzeit mit dem wohlhabenden Maxim de Winter nach Manderley kommt. Dort sieht sie sich nicht nur mit den Schatten der Vergangenheit konfrontiert. Vor allem die verstorbene Rebecca scheint allgegenwärtig zu sein.
Rebecca selbst tritt nicht auf – und ist doch praktisch ständig präsent.
Genau diese besondere Ausgangssituation macht den Reiz des Musicals aus. Die neue Mrs. de Winter muss ihren Platz in einer Welt finden, in der sie permanent mit einer Frau verglichen wird, die sie niemals kennenlernen konnte. Hinzu kommen die Geheimnisse rund um Rebecca, Maxim und die Menschen, die in Manderley leben.
Das Theater Dortmund versteht es, diese düstere Grundstimmung überzeugend auf die Bühne zu bringen.
Ein gelungenes Bühnenbild und stimmungsvolles Licht
Das Bühnenbild gehört eindeutig zu den Stärken der Dortmunder Produktion. Manderley wird nicht lediglich als Kulisse eingesetzt, sondern als wesentlicher Bestandteil der Atmosphäre.
Dabei ist die Inszenierung nicht permanent auf maximale Größe und Opulenz aus. Vieles bleibt vergleichsweise reduziert. Gerade diese Zurückhaltung funktioniert häufig erstaunlich gut.
Einen großen Anteil daran hat die Beleuchtung. Licht und Schatten werden gezielt eingesetzt und verleihen den Szenen eine teilweise geradezu filmische Atmosphäre. Besonders in den düsteren und spannungsgeladenen Momenten entsteht dadurch eine Stimmung, die sehr gut zur Geschichte passt. Die Produktion zeigt damit, dass man nicht zwingend jede Szene mit möglichst viel Bühnenzauber überladen muss, um Wirkung zu erzielen. Allerdings hätte gerade beim Finale etwas mehr Mut zum Spektakel gutgetan. Der Schluss bietet eigentlich genügend Möglichkeiten für einen großen, eindrucksvollen Bühnenmoment. Hier bleibt die Dortmunder Inszenierung vergleichsweise zurückhaltend.
Marc Seibert als Maxim de Winter
Mit Marc Seibert steht ein bestens bekannter Musicaldarsteller als Maxim de Winter auf der Bühne. Die Rolle verlangt vor allem eine Mischung aus Distanz, Geheimnis und emotionaler Verletzlichkeit. Seibert gelingt es, diesen Maxim überzeugend zu verkörpern. Er gibt der Figur die notwendige Präsenz und lässt gleichzeitig genügend Raum für die Frage, was sich tatsächlich hinter der kontrollierten Fassade des Gutsherrn verbirgt. Auch gesanglich liefert Seibert eine gute Leistung ab. Insgesamt sind die Stimmen der Produktion auf einem überzeugenden Niveau. Allerdings bleibt der ganz große vokale Ausnahme-Moment bei der besuchten Vorstellung eher aus. Das ist keineswegs ein Qualitätsproblem – die gesangliche Leistung ist solide bis gut. Nur: Von einer großen Musicalproduktion erwartet man stellenweise vielleicht noch etwas mehr.
Antonia Kalinowski: eine überzeugende „Ich“
Eine besondere Herausforderung liegt naturgemäß bei Antonia Kalinowski in der Rolle der namenlosen Protagonistin, die im Musical lediglich als „Ich“ bezeichnet wird. Kalinowski trägt einen erheblichen Teil der Geschichte. Das Publikum erlebt die Entwicklung der Handlung schließlich weitgehend aus ihrer Perspektive: vom zunächst unsicheren jungen Mädchen bis zu einer Frau, die sich zunehmend mit den Geheimnissen von Manderley und ihrer eigenen Beziehung zu Maxim auseinandersetzen muss. Kalinowski gelingt diese Entwicklung überzeugend. Sie gibt der Figur Verletzlichkeit, ohne sie ausschließlich als hilfloses Opfer erscheinen zu lassen.
Gerade diese Balance ist wichtig, denn „Ich“ muss über weite Strecken die emotionale Identifikationsfigur für das Publikum sein. Kalinowski schafft es, diese Rolle glaubwürdig auszufüllen und der Figur gleichzeitig ihre eigene Persönlichkeit zu geben.
Bettina Mönch als Mrs. Danvers: kühl, kontrolliert und eindringlich
Eine weitere zentrale Figur ist Mrs. Danvers, die Haushälterin von Manderley. Bettina Mönch verkörpert sie mit der notwendigen Kälte und Autorität. Mrs. Danvers ist eine Figur, die von ihrer geradezu obsessiven Verehrung Rebeccas lebt. Sie akzeptiert die neue Mrs. de Winter nicht als gleichwertige Nachfolgerin und macht ihr auf subtile wie offene Weise deutlich, dass Rebecca in Manderley niemals wirklich ersetzt werden kann.
Mönch spielt diese emotionale Distanz ausgesprochen eindringlich. Ihre Körpersprache und ihre kontrollierte Art passen hervorragend zu einer Figur, die ihre Gefühle kaum offen zeigt und gerade dadurch bedrohlich wirkt. Auch stimmlich gehört Bettina Mönch zu den starken Stimmen des Abends.
Der heimliche Star: Amani Robinson als Edith Van Hopper
Doch so überzeugend Marc Seibert, Antonia Kalinowski und Bettina Mönch ihre Rollen auch ausfüllen: Der heimliche Star des Abends ist für mich eindeutig Amani Robinson. In der Rolle der Edith Van Hopper gelingt Robinson etwas, das nicht jede Nebenfigur schafft: Sie zieht die Aufmerksamkeit jedes Mal auf sich, sobald sie die Bühne betritt.
Edith Van Hopper ist ohnehin eine Figur, die mit ihrer überzeichneten Persönlichkeit für einige humorvolle Momente innerhalb der ansonsten ausgesprochen düsteren Geschichte sorgt. Amani Robinson geht dabei voll und ganz in dieser Überzeichnung auf – und genau das macht ihre Darstellung so großartig. Ihr Schauspiel besitzt eine ganz eigene Energie. Sie ist präsent, pointiert und ausgesprochen komisch, ohne dabei völlig aus dem Rahmen der Inszenierung zu fallen. Besonders ihr übertriebenes, geradezu grandioses Lachen bleibt im Gedächtnis.
Was auf dem Papier schnell nach einer überzogenen Spielerei klingen könnte, funktioniert auf der Bühne hervorragend. Robinson setzt ihr Lachen genau dort ein, wo es dramaturgisch passt, und macht daraus ein echtes Stilmittel ihrer Figur. Dazu kommt eine exzellente Stimme. Amani Robinson schafft es damit, aus einer eigentlich eher unterstützenden Rolle einen der Höhepunkte des Abends zu machen. Wann immer Edith Van Hopper auftaucht, verändert sich die Dynamik auf der Bühne. Man wartet geradezu darauf, was sie als Nächstes macht. Und das ist vermutlich das größte Kompliment, das man einer solchen Nebenrolle machen kann.
Wenn die Handlung etwas zu schnell voranschreitet
So gelungen viele Einzelszenen sind, ganz frei von Schwächen ist die Dortmunder Inszenierung nicht. An einigen Stellen wirkt die Handlung etwas gehetzt. Gerade bei einem Stück wie „Rebecca“, das stark von Atmosphäre, psychologischer Spannung und den Beziehungen zwischen seinen Figuren lebt, wäre gelegentlich etwas mehr Ruhe wünschenswert. Manche Entwicklungen werden relativ schnell abgehandelt, obwohl sie eigentlich das Potenzial für eine intensivere emotionale Ausarbeitung hätten. Das betrifft insbesondere einige Nebenfiguren. Während die zentralen Rollen ausreichend Kontur erhalten, bleiben andere Charaktere vergleichsweise blass. Das ist schade, denn gerade die Menschen rund um Manderley tragen entscheidend dazu bei, die Geschichte und die Persönlichkeit Rebeccas zu erklären.
Nicht jeder Song bleibt im Kopf
Auch musikalisch ist „Rebecca“ ein etwas ambivalentes Erlebnis. Die Songs passen zur Geschichte, unterstützen die Stimmung und funktionieren im jeweiligen Kontext. Wirklich große musikalische Ohrwürmer sind allerdings rar. Nach dem Ende der Vorstellung bleiben vor allem einzelne Szenen und Figuren im Gedächtnis – weniger bestimmte Melodien.
Das muss bei einem Musical nicht zwangsläufig ein Problem sein. „Rebecca“ versteht sich stärker als dramatische Geschichte mit musikalischer Begleitung denn als reine Aneinanderreihung großer Musical-Hits. Dennoch hätte man sich durchaus den einen oder anderen Song gewünscht, der auch nach dem Theaterbesuch noch im Kopf weiterläuft.
Das Finale verschenkt etwas Potenzial
Gerade im letzten Teil wird deutlich, dass die Inszenierung an einigen Stellen bewusst zurückhaltend bleibt. Das Finale hätte durchaus größer und spektakulärer ausfallen können. Die Geschichte liefert dafür eigentlich alle Voraussetzungen: Spannung, Emotionen, Dramatik und eine Situation, die geradezu nach einem großen Bühnenbild schreit. Stattdessen bleibt die Umsetzung vergleichsweise minimalistisch. Das ist sicherlich eine legitime künstlerische Entscheidung, nimmt dem Ende aber ein Stück weit die Wucht, die möglich gewesen wäre.
Gerade weil die Inszenierung zuvor mit Licht und Atmosphäre gezeigt hat, was sie kann, hätte man sich hier etwas mehr Mut gewünscht.
Fazit: Ein atmosphärischer Musicalabend mit starken Darstellern
„Rebecca“ im Theater Dortmund ist eine insgesamt gelungene Musicalproduktion, die vor allem von ihrer Atmosphäre und ihren Darstellern lebt. Das Bühnenbild ist gelungen, die Beleuchtung sorgt für eine stimmungsvolle und teilweise sehr eindringliche Atmosphäre. Die Geschichte funktioniert auch in Dortmund als düsteres Musical zwischen Liebesgeschichte, Psychodrama und Kriminalgeschichte. Marc Seibert überzeugt als Maxim de Winter, während Antonia Kalinowski als „Ich“ eine glaubwürdige Entwicklung durchläuft. Bettina Mönch verleiht Mrs. Danvers die notwendige Kälte und Bedrohlichkeit. Und dann ist da Amani Robinson.
Als Edith Van Hopper ist sie der heimliche Star des Abends. Ihr außergewöhnliches Schauspiel, ihre hervorragende Stimme und insbesondere ihr völlig überzogenes, aber perfekt eingesetztes Lachen sorgen für einige der unterhaltsamsten Momente der Aufführung. Sie schafft es, mit einer Nebenrolle regelmäßig die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und damit sogar die großen Namen des Abends ein Stück weit in den Schatten zu stellen.
Trotzdem ist „Rebecca“ in Dortmund kein Musical, das nach dem Besuch unmittelbar den Wunsch nach einer Wiederholung auslöst. Dafür fehlen sowohl musikalisch die ganz großen Ohrwürmer als auch an einigen Stellen die notwendige Tiefe der Figuren. Zudem wirken einzelne Passagen etwas gehetzt, und insbesondere das Finale hätte durchaus spektakulärer inszeniert werden können.
Wer „Rebecca“ noch nicht kennt, bekommt in Dortmund einen atmosphärischen, unterhaltsamen und stellenweise ausgesprochen starken Musicalabend geboten. Wer vor allem auf große Musical-Hits und spektakuläre Showmomente aus ist, könnte dagegen etwas weniger begeistert sein. Am Ende bleibt deshalb: sehenswert – aber kein Musical, das man unbedingt mehrfach sehen muss. Und wenn man nach der Vorstellung einen Namen nennen soll, der besonders im Gedächtnis bleibt, dann ist es vielleicht nicht einmal der von Maxim de Winter. Es ist Edith Van Hopper.

Das Musical „Rebecca“ gehört zu jenen Stücken, die von ihrer düsteren Atmosphäre, einem großen Geheimnis und einer Geschichte leben, die sich eigentlich hervorragend für die Bühne eignet. Nach erfolgreichen Aufführungen unter anderem in Wien ist das Musical nun auch im Theater Dortmund zu erleben. In der männlichen Hauptrolle ist dabei Mark Seibert zu sehen.