Vorstellung und ausgewählte Sorten im Test: van Gülpen – Kaffeetradition trifft moderne Specialty-Kultur
Manche Kaffeeröstereien erzählen nicht nur von Bohnen, Röstprofilen und Aromen – sie erzählen ein Stück Kaffeegeschichte. Genau dazu gehört Lensing & van Gülpen aus Emmerich am Rhein. Seit fast zwei Jahrhunderten steht der Name für die Leidenschaft, aus hochwertigen Rohkaffees außergewöhnliche Genussmomente zu entwickeln. Die Geschichte der Rösterei beginnt bereits im Jahr 1832, als Carl Lambert Josef van Gülpen gemeinsam mit J.H. Lensing ein Handelsunternehmen für Kolonialwaren gründete. Was zunächst als klassisches Handelsgeschäft begann, entwickelte sich schon bald zu einer besonderen Verbindung mit Kaffee. Durch den internationalen Handel und die damaligen Kaffeeimporte aus Übersee wurde der Rohkaffee schnell zum Mittelpunkt des Unternehmens.
Ein entscheidender Schritt folgte im 19. Jahrhundert: Statt Kaffee ausschließlich als Rohware zu verkaufen, entstand die Idee, ihn bereits fertig geröstet anzubieten. Gemeinsam mit dem Ingenieur Theodor von Gimborn entwickelte Alexius van Gülpen einen der ersten industriellen Kaffeeröster – den legendären Kugelbrenner. Damit legte das Unternehmen nicht nur den Grundstein für die eigene Rösttradition, sondern prägte auch die Entwicklung moderner Kaffeerösttechnik maßgeblich mit.
Nach den schwierigen Jahren des Zweiten Weltkriegs wurde die Rösterei wieder aufgebaut und entwickelte sich zu einem der frühen Spezialitätenröster Deutschlands. Während viele große Anbieter zunehmend auf Massenproduktion setzten, entschied man sich bei Lensing & van Gülpen bewusst für einen anderen Weg: Qualität statt Austauschbarkeit. Hochwertige Kaffees, besondere Herkünfte und sorgfältige Verarbeitung standen fortan im Mittelpunkt. Heute verbindet die sechste Familiengeneration diese lange Tradition mit der modernen Welt des Specialty Coffee. Ausgewählte Single Origins, charakterstarke Blends und eine handwerkliche Röstphilosophie zeigen, dass fast 200 Jahre Erfahrung und innovative Kaffeekultur perfekt zusammenpassen können.
Für unseren Test haben wir uns einige Kaffees aus dem aktuellen Sortiment von Lensing & van Gülpen genauer angesehen. Dabei geht es nicht nur um die Herkunft und Verarbeitung der Bohnen, sondern vor allem um die entscheidende Frage: Was landet am Ende in der Tasse? Welche Aromen erwarten uns, wie verhalten sich die Kaffees als Espresso oder Filterkaffee – und lohnt sich die Reise in die Welt dieser traditionsreichen Rösterei?
Übersicht über das Sortiment
Aktuell (Stand 07/26) hat die Rösterei 12 Filterkaffees und 10 Espresso-Sorten im Sortiment. Im Online-Shop könnt ihr jede Sorte in den Packungsgrößen zu 250 g und 1000 g als ganze Bohne oder für verschiedene Zubereitungsarten gemahlen bestellen. Ein Abo wird ebenfalls angeboten. Zu den unterschiedlichen Sorten gibt es auf der Homepage des Unternehmens Informationen zur Herkunft, Anbauhöhe, den Varietäten, der Aufbereitung und den Aromen. Manchmal stehen die Fincas dabei, manchmal auch nicht.
Geröstet wird der Espresso bei van Gülpen recht hell, was in den vergangenen Jahren immer mehr zu einem Trend geworden ist. Weg von den klassisch dunklen, in gewissen Regionen Italiens sogar schon fast verbrannten Röstungen, hin zur helleren Röstung, die vor allem die in der Bohne vorkommenden Aromen betont und hierdurch spannende Bouquets eröffnen. Dabei solltet ihr – gerade wenn ihr neu in die Welt des Espressos einsteigt – mit der Brühtemperatur ein wenig stärker experimentieren und auch beim Mahlgrad euch ausprobieren. Nicht jede (Single Dose) Mühle kann mit helleren Röstungen gleich umgehen. Wer sich jedoch darauf einlässt, wird diese Art des Röstens schnell bevorzugen.
Die Sorten in der Vorstellung und im Geschmackstest
Für unseren Test haben wir von der Kaffeerösterei van Gülpen 7 Sorten zugeschickt bekommen.
Was auffällt ist, dass sämtliche Sorten in einem Pappkarton verstaut sind, der einen Teil eines Bildes ergibt. Stellt man verschiedene Sorten zusammen, taucht ein Löwe auf. Das sieht optisch absolut ansprechend aus. An den Seiten des Kartons aufgedruckt sind allgemeine Infos zur Kaffeerösterei, einmal auf Deutsch und einmal auf Englisch, Angaben zur Füllmenge und die Adresse der Rösterei. Auf der Oberseite gibt es Angaben zum Herkunftsland des Kaffees und zu den Aromen. Das Röstdatum befindet sich auf der Unterseite. In den Pappkartons hingegen erwarten uns schlichte Beutel ohne irgendwelche Angaben. Mit dabei liegt ein kleines Zettelchen, auf dem wir dann wichtige Angaben finden zum Filterkaffee bzw. Espresso.
Zubereitung
Für den Test haben wir den Espresso in der Roxy Espresso (Siebträger) getestet mit 12g und 200ml beim Filter und 18g in und 36-42g out bei ca. 25-30 Sekunden Laufzeit beim Espresso. Ein Wort zum Bohnenbild, dass die Qualität des Kaffees bzw. der Röstung rein optisch bereits vor der Verkostung darstellt: Dieses ist sehr gut; Defekte sind nahezu keine zu erkennen. Auch das Röstbild ist sehr homogen.
Gathaithi – Kenia
Schon beim ersten Schluck zeigt der Gathaithi, warum Kaffees aus Nyeri zu den spannendsten Afrikas gehören. Die Kombination aus den klassischen Varietäten SL28 und SL34 sowie der fruchtbare Vulkanboden sorgen für einen außergewöhnlich klaren und lebendigen Charakter.
Die Kaffeekirschen stammen von mehr als 1.100 Kleinbauern der Gathaithi Coffee Growers Cooperative Society und werden nach der Ernte sorgfältig von Hand sortiert. Nach einer kontrollierten Fermentation und einer ausgedehnten Waschung trocknen die Bohnen traditionell auf Raised Beds – eine aufwendige Aufbereitung, die sich in der Tasse deutlich bemerkbar macht.
Geschmacklich präsentiert sich der Kaffee herrlich saftig und komplex. Kräftige Noten schwarzer Johannisbeere treffen auf süße Trauben und werden von einem fruchtigen Kakao begleitet. Die Säure wirkt dabei ausgesprochen lebendig, bleibt aber jederzeit elegant und ausgewogen. Wer fruchtbetonte Filterkaffees liebt, bekommt hier einen ausgesprochen typischen Vertreter Kenias mit viel Klarheit, Süße und einer beeindruckenden Aromendichte.
Diego Bermúdez – Kolumbien
Diego Bermúdez zählt mittlerweile zu den bekanntesten Produzenten Kolumbiens, wenn es um innovative Fermentationsverfahren geht. Statt sich auf klassische Aufbereitungsmethoden zu verlassen, arbeitet er mit selbst entwickelten Fermentationsprotokollen, kontrolliert Temperatur, pH-Wert und Druck bis ins kleinste Detail und erschafft dadurch außergewöhnlich präzise Geschmacksprofile.
Das Ergebnis ist ein Kaffee, der fast schon verblüffend aromatisch wirkt. Bereits beim ersten Kontakt dominieren intensive Himbeernoten, begleitet von floralen Jasminaromen und einer angenehmen Frische, die an Rhabarber erinnert. Trotz der komplexen anaeroben Fermentation wirkt das Geschmacksbild niemals künstlich oder überladen. Stattdessen entstehen intensive Fruchtaromen mit bemerkenswerter Klarheit und Eleganz.
Ein Kaffee, der eindrucksvoll zeigt, wie moderne Fermentation den Charakter einer Bohne unterstreichen kann, ohne ihre Herkunft zu überdecken. Besonders spannend für alle, die außergewöhnliche Specialty Coffees entdecken möchten.
Café de la Torre – Finca Rio Negro
Der Caturra von Félix Alberto Torres Morantes zeigt eindrucksvoll, wie spannend moderne Fermentationsverfahren sein können. Für diesen Kaffee kommt eine anaerobe Milchsäuregärung zum Einsatz, die dem Kaffee eine außergewöhnliche Cremigkeit und Tiefe verleiht.
Bereits beim ersten Schluck fällt das ungewöhnlich weiche Mundgefühl auf. Noten von frischer Milch verbinden sich mit süßen weißen Trauben und floralen Nuancen von Jasmin. Dazu kommt eine angenehm buttrige Textur, die dem Kaffee einen fast samtigen Charakter verleiht.
Trotz seines experimentellen Ansatzes wirkt der Kaffee erstaunlich harmonisch und ausgewogen. Wer auf der Suche nach außergewöhnlichen Aromen ist und gerne über klassische Kaffeeprofile hinausblickt, findet hier einen spannenden Vertreter der modernen kolumbianischen Specialty-Szene.
Wilmer Cuellar – Papayo Natural
Schon die seltene Papayo-Varietät macht diesen Kaffee zu etwas Besonderem. Ihren Namen verdankt sie den papayaähnlichen Kaffeekirschen und gilt aufgrund ihrer außergewöhnlichen Süße und Komplexität als echte Rarität.
Wilmer Cuellar setzt auf eine Natural-Aufbereitung mit anschließender Sonnentrocknung, wodurch die fruchtigen Eigenschaften der Bohne besonders intensiv hervortreten. Das Ergebnis erinnert beinahe an einen exotischen Fruchtcocktail.
In der Tasse dominieren saftige Himbeeren, reife Kiwi und intensive Passionsfrucht. Dazu gesellt sich ein voller, sirupartiger Körper und ein angenehm langer, tropischer Nachgeschmack. Wer fruchtige Naturals liebt, dürfte an diesem Kaffee kaum vorbeikommen. Er gehört definitiv zu den expressiveren Vertretern seiner Art.
Espresso „Bombe Station“
Mit dem Bombe Station Espresso bringt die äthiopische Region Sidama ihre ganze aromatische Vielfalt in die Tasse. Die Kaffeekirschen stammen von über 1.000 Kleinbauern rund um die Abore Washing Station und werden als Natural traditionell auf Raised Beds über mehrere Wochen unter der Sonne getrocknet.
Das Ergebnis ist ein ausgesprochen eleganter Espresso, der die typische Fruchtigkeit Äthiopiens wunderbar einfängt. Bereits im ersten Schluck zeigen sich intensive Blaubeernoten, begleitet von feiner Milchschokolade und einer floralen Jasminnote. Die Süße ist hervorragend ausgeprägt und sorgt gemeinsam mit der lebendigen Fruchtigkeit für ein sehr ausgewogenes Gesamtbild.
Als Espresso überzeugt der Bombe Station mit viel Klarheit und einer angenehmen Leichtigkeit. Gleichzeitig bringt er genügend Süße und Körper mit, um auch in Milchgetränken spannende fruchtige Akzente zu setzen.
Espresso „Bullitt“
Der Bullitt richtet sich an alle, die einen klassischen, kräftigen Espresso bevorzugen. Die dunklere Röstung setzt weniger auf verspielte Fruchtnoten als vielmehr auf Intensität, Körper und eine angenehme Röstaromatik.
Geschmacklich dominieren kräftiger Kakao und Honig, die von einer feinen fruchtigen Süße tropischer Früchte begleitet werden. Hinzu kommen deutliche Röstaromen, die dem Espresso seine markante Durchsetzungskraft verleihen, ohne unangenehm bitter zu wirken.
Gerade in Cappuccino oder Flat White spielt der Bullitt seine Stärken voll aus. Die intensive Basis bleibt auch in Verbindung mit Milch erhalten und sorgt für einen kräftigen, schokoladigen Espresso mit klassischem Charakter – genau das Richtige für Liebhaber traditioneller italienisch inspirierter Röstungen.
Espresso Goodfoot
Mit dem Goodfoot verfolgt Lensing & van Gülpen einen klaren Anspruch: Ein moderner Espresso soll entstehen, der mit fruchtiger Komplexität begeistert, gleichzeitig aber zugänglich und alltagstauglich bleibt. Genau diese Balance gelingt diesem Blend ausgesprochen gut.
Die Basis bilden sogenannte Community Kaffees – also Kaffees, bei denen sich viele kleinere Produzenten zusammenschließen, um ihre Ernten gemeinsam zu vermarkten. Gerade für Kleinbauern mit kleinen Anbauflächen bietet dieses Modell bessere Möglichkeiten, faire Preise für ihre hochwertigen Kaffees zu erzielen. Im Goodfoot vereinen sich dabei drei unterschiedliche Herkünfte: ein Brasilien Sancoffee Caramelo Blend, ein kolumbianischer Exotico de Altura aus Giraldo sowie ein Natural aus der honduranischen COMSA Cooperative.
In der Tasse zeigt sich ein Espresso mit einer schönen modernen Ausrichtung. Eine lebendige, aber angenehm eingebundene Säure sorgt für Frische, ohne den Espresso zu dominieren. Im Vordergrund stehen saftige Kirschnoten und eine feine Süße, die an braunen Zucker erinnert. Im Nachgeschmack gesellt sich eine schokoladige Tiefe hinzu, die den Espresso harmonisch abrundet und auch klassische Espresso-Liebhaber abholt.
Besonders spannend ist der Goodfoot durch seine Vielseitigkeit bei der Zubereitung. Für einen kräftigeren Espresso mit mehr Körper und Intensität empfiehlt sich ein Brühverhältnis von etwa 1:2,3 – beispielsweise 17 g Kaffeemehl auf rund 40 g Getränk. Wer hingegen die maximale Süße und eine etwas offenere Aromatik bevorzugt, kann mit einem Verhältnis von 1:3 arbeiten und erhält bei 17 g Kaffee etwa 50 g Espresso in der Tasse.
Der Goodfoot ist ein moderner Espresso, der die Brücke zwischen Specialty Coffee und klassischem Kaffeegenuss hervorragend schlägt. Fruchtige Eleganz trifft auf Schokolade und Süße – ein vielseitiger Espresso, der sowohl pur als auch als Basis für Milchgetränke überzeugt.
Fazit: Die von uns getesteten Sorten haben uns durch ihre Aromenvielfalt und Qualität überzeugt. In Sachen Nachhaltigkeit und Fairness gibt es einige allgemeine Aussagen. Konkretere Angaben zum „Social Impact“, also wie beispielsweise die Bauern vor Ort unterstützt werden, welche sozialen Projekte auf den Farmen angestoßen und intensiviert werden oder welche Beträge bei den Kaffeefarmern ankommen etc. bleibt leider offen. Dennoch gibt es von uns ganz klar eine Kaufempfehlung.
Zusammensetzung der Gesamtbewertung:
Qualität: 9 von 10 Punkten
Fairness und Nachhaltigkeit: 7 von 10 Punkten
Geschmack: 9 von 10 Punkten
Transparenz: 7 von 10 Punkten
Wir bedanken uns bei der Rösterei van Gülpen für die zur Verfügung gestellten Testmuster.
Bilder: (c) van Gülpen, Text: (c) M. Heiland, D. Stappen
