Vorstellung und ausgewählte Sorten im Test: Coffeeness und Backyard Coffee
Als ich vor 14 Jahren begann, mich für einen neuen Kaffeevollautomaten zu interessieren, um von meinen Kaffeekapseln wegzukommen, stieß ich durch Zufall auf den Videokanal „Coffeeness“ von Arne Preuß. Bereits seit 2008 präsentierte und präsentiert der charmante YouTuber noch heute die neusten Trends in Sachen Kaffeevollautomaten. Sein Motto war bereits damals schon „Wer Kapselkaffee trinkt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren“. Dieser Satz hatte mich sofort ergriffen und ich begann zu hinterfragen, warum dies so ist.
Nach einigen Recherchen und Videos der „Kaffeemacher“ hatte ich verstanden: guter Kaffee stammt nicht von Nespresso und wird auch nicht von der Industrie angeboten. Von da an war ich Feuer und Flamme. Dank Arnes Videos und seinem provokant-humorvollen Ausspruch habe ich mich seitdem immer tiefer in das Rabbithole begeben. Daher ist es mir eine ganz besondere Freude, euch an dieser Stelle auch den Kaffee von Arne vorzustellen, den er in Kooperation mit einem der bekanntesten Röster in der Szene, Wolfram Sorg von Backyard Coffee, produziert, vorstellen zu können.
Wolfram Sorg – Der Kopf hinter Backyard Coffee und einer der Wegbereiter der deutschen Specialty-Coffee-Szene
Wer heute an hochwertigen Spezialitätenkaffee in Deutschland denkt, kommt an Wolfram Sorg kaum vorbei. Gemeinsam mit seinen Mitgründern hat er Backyard Coffee in Frankfurt am Main zu einer der renommiertesten Adressen für handwerklich gerösteten Kaffee entwickelt. Dabei begann alles nicht mit einem ausgefeilten Businessplan, sondern mit Neugier, Experimentierfreude und dem Wunsch, Kaffee besser zu verstehen.
Während Kaffee für viele Menschen vor allem der schnelle Wachmacher am Morgen ist, sieht Sorg in jeder Bohne ein Naturprodukt mit einer erstaunlichen geschmacklichen Vielfalt. Genau diese Überzeugung prägt bis heute die Philosophie von Backyard Coffee: Jede Bohne soll ihr volles Potenzial entfalten – unabhängig davon, ob sie als Espresso oder Filterkaffee zubereitet wird.
Vom Hobbyprojekt zur Spitzenrösterei
Die Anfänge reichen viele Jahre zurück. Damals beschäftigten sich Wolfram Sorg und seine späteren Geschäftspartner intensiv mit Kulinarik und hochwertigen Lebensmitteln. Über internationale Fachliteratur und die damals noch junge Online-Specialty-Coffee-Szene entdeckten sie die enorme Komplexität des Kaffees. Schnell wurde deutlich, dass zwischen industriell geröstetem Kaffee und sorgfältig verarbeitetem Spezialitätenkaffee Welten liegen.
Aus ersten Versuchen im privaten Umfeld entwickelte sich eine echte Leidenschaft. Die Gründer experimentierten mit Rohkaffee aus aller Welt, analysierten unterschiedliche Röstprofile und investierten unzählige Stunden in die Optimierung ihrer Methoden. Ursprünglich wollten sie vor allem zeigen, dass auch deutsche Röster international zur Spitze gehören können – ein Ziel, das sie mit zahlreichen Auszeichnungen eindrucksvoll erreichten.
Heute genießt Backyard Coffee weit über die Landesgrenzen hinaus einen exzellenten Ruf. Internationale Wettbewerbe bestätigen regelmäßig die außergewöhnliche Qualität der Röstungen und unterstreichen den hohen Anspruch des Frankfurter Unternehmens.
Kaffee als Präzisionsarbeit
Für Wolfram Sorg beginnt hervorragender Kaffee lange vor dem eigentlichen Rösten. Entscheidend sind Herkunft, Varietät, Anbauhöhe, Bodenbeschaffenheit, Klima und die Art der Aufbereitung nach der Ernte. Jeder dieser Faktoren beeinflusst das spätere Geschmacksprofil. Deshalb arbeitet Backyard Coffee eng mit ausgewählten Produzenten zusammen und setzt auf langfristige Partnerschaften sowie direkten Handel. Der persönliche Austausch mit den Farmen ermöglicht nicht nur höchste Transparenz, sondern trägt auch dazu bei, die Qualität kontinuierlich weiterzuentwickeln. Beide Seiten profitieren davon: Die Produzenten erzielen bessere Preise für hochwertige Qualitäten, während Backyard Coffee außergewöhnliche Kaffees mit nachvollziehbarer Herkunft beziehen kann. Auch das Rösten selbst folgt keinem festen Schema. Jede Lieferung wird individuell bewertet und erhält ein eigenes Röstprofil. Bevor größere Chargen produziert werden, entstehen zahlreiche Teströstungen, die sorgfältig verkostet und analysiert werden. Erst wenn sämtliche Parameter optimal zusammenspielen, wird das entwickelte Profil auf größere Mengen übertragen.
Mehr als nur Röstaromen
Ein besonderes Anliegen von Wolfram Sorg ist es, das Bild vieler Verbraucher vom Geschmack des Kaffees zu verändern. Für ihn besteht guter Kaffee nicht ausschließlich aus kräftigen Röstaromen oder Bitterkeit.
Da Kaffeekirschen botanisch betrachtet Früchte sind, besitzen hochwertige Bohnen von Natur aus eine enorme geschmackliche Bandbreite. Je nach Herkunft und Verarbeitung können sie Noten von Beeren, Zitrusfrüchten, Steinobst oder tropischen Früchten entwickeln. Hinzu kommen Anklänge von Schokolade, Nüssen, Honig oder Karamell. Manche Filterkaffees überraschen sogar mit floralen Aromen, die eher an hochwertigen Tee erinnern.
Industrielle Röstverfahren überdecken diese feinen Nuancen häufig durch sehr dunkle Röstgrade. Backyard Coffee verfolgt dagegen das Ziel, die charakteristischen Eigenschaften jeder Bohne möglichst unverfälscht hervorzuheben und ihre natürliche Aromatik zu bewahren.
Frische als Qualitätsmerkmal
Neben der Auswahl der Rohkaffees spielt auch die Frische eine entscheidende Rolle. Nach dem Rösten erhalten die Bohnen zunächst ausreichend Zeit zum Entgasen, bevor sie möglichst zeitnah an Gastronomie und Privatkunden ausgeliefert werden. Lange Lagerzeiten sollen vermieden werden, damit die Kaffees ihre geschmackliche Komplexität möglichst vollständig bewahren.
Für echten Kaffeegenuss empfiehlt Sorg zudem frisch gemahlene Bohnen. Bereits kurze Zeit nach dem Mahlen beginnen flüchtige Aromastoffe verloren zu gehen, weshalb eine hochwertige Kaffeemühle für ambitionierte Kaffeetrinker nahezu unverzichtbar ist.
Unternehmer aus Überzeugung
Interessanterweise entstand Backyard Coffee zunächst eher aus praktischen Gründen. Da Wolfram Sorg für seine privaten Experimente regelmäßig größere Mengen Rohkaffee importierte, gründete er ein Unternehmen, um den organisatorischen Aufwand zu vereinfachen.
Mit steigender Bekanntheit wuchs jedoch auch die Nachfrage nach seinen Röstungen. Schließlich fiel die Entscheidung, den sicheren Beruf als IT-Berater hinter sich zu lassen und sich vollständig dem Kaffee zu widmen. Gemeinsam mit seinen Mitgründern zog Backyard Coffee aus den heimischen Räumlichkeiten in die heutige Rösterei nach Frankfurt-Nieder-Eschbach.
Der Schritt in die Selbstständigkeit bedeutete zwar finanzielle Unsicherheit, wurde jedoch vom privaten Umfeld uneingeschränkt unterstützt. Die Begeisterung für Kaffee zieht sich sogar durch das Familienleben – wenn auch mit deutlich entspannterem Blick als beim Gründer selbst.
Partner der Gastronomie
Backyard Coffee versteht sich längst nicht nur als Kaffeelieferant. Viele Cafés und gastronomische Betriebe schätzen die umfassende Betreuung, die weit über den Verkauf von Bohnen hinausgeht.
Dazu gehören Beratung bei der Entwicklung von Kaffeekonzepten, Unterstützung bei der Auswahl passender Espressomaschinen und Mühlen, technische Betreuung sowie regelmäßige Schulungen für Baristas und Gastronomiebetriebe. Workshops bieten außerdem Gelegenheit, Erfahrungen auszutauschen und voneinander zu lernen – unabhängig vom Wettbewerb zwischen einzelnen Cafés.
Gerade dieser persönliche Kontakt macht für Wolfram Sorg einen großen Teil der Arbeit aus. Statt ausschließlich mit Zahlen und Konzepten zu arbeiten, erlebt er heute unmittelbar, wie Menschen seine Kaffees genießen, Feedback geben und seine Leidenschaft teilen.
Leidenschaft statt Massenproduktion
Backyard Coffee verfolgt bewusst keinen Weg über niedrige Preise oder hohe Produktionsmengen. Im Mittelpunkt stehen Qualität, Transparenz und handwerkliche Präzision. Die Rösterei richtet sich an Menschen, die Kaffee nicht als beliebiges Alltagsprodukt betrachten, sondern als Genussmittel mit Herkunft, Charakter und Geschichte.
Mit dieser Philosophie gehört Wolfram Sorg zu den Persönlichkeiten, die die deutsche Specialty-Coffee-Bewegung entscheidend mitgeprägt haben – und zeigt bis heute, welches Potenzial in einer einzigen Kaffeebohne steckt, wenn man ihr die nötige Aufmerksamkeit schenkt.
Coffeeness Kaffeebohnen im Test – Drei Kaffees, drei Charaktere und ein Ziel: guter Kaffee aus dem Vollautomaten
Wer sich mit Kaffee beschäftigt, weiß: Die Suche nach der perfekten Bohne kann schnell zur Reise werden. Zwischen unzähligen Herkunftsländern, Röstprofilen und Geschmacksrichtungen ist es gerade für Einsteiger oft schwierig, den eigenen Favoriten zu finden. Genau hier setzt das Kaffeebohnen-Set von Coffeeness an.
Coffeeness richtet sich mit seinen Kaffees vor allem an Besitzer von Kaffeevollautomaten. Die drei angebotenen Varianten Klassik, Kräftig und Decaf verfolgen dabei unterschiedliche Ansätze: vom harmonischen Allrounder über eine kräftigere Interpretation bis hin zur entkoffeinierten Alternative. Alle Kaffees bestehen aus 100 Prozent Arabica-Bohnen und wurden speziell für die Anforderungen moderner Vollautomaten entwickelt.
Für unseren Test haben wir die Bohnen jedoch bewusst nicht nur im Vollautomaten, sondern auch im Siebträger und im Handfilter getestet, um das geschmackliche Potenzial möglichst umfassend beurteilen zu können. Die Espressi wurden mit 18 Gramm Kaffeemehl, einer Ausbeute von 36 bis 42 Gramm und einer Extraktionszeit von etwa 30 Sekunden zubereitet. Für den Filterkaffee kamen 20 Gramm Kaffee auf 300 Gramm Wasser zum Einsatz. Unser Brührezept: Zunächst wurden zweimal jeweils 50 Gramm Wasser aufgegossen und für 30 Sekunden gebloomt, anschließend folgten die restlichen 200 Gramm Wasser in einem Zeitraum von etwa 20 bis 30 Sekunden. Die Gesamtbrühzeit lag zwischen 2:40 und 3:15 Minuten, verkostet wurde bei einer Trinktemperatur von rund 50 bis 55 Grad Celsius.
Bereits die optische Kontrolle der Bohnen fällt positiv aus. Das Bohnenbild wirkt sauber und gleichmäßig, auffällige Defekte sind kaum zu erkennen. Auch die Röstung zeigt sich homogen – ein wichtiger Hinweis darauf, dass bei Auswahl und Verarbeitung sorgfältig gearbeitet wurde.
Klassik – der harmonische Allrounder mit Schokolade und Nuss
Den Einstieg bildet die Sorte Klassik, die innerhalb des Coffeeness-Sortiments als vielseitiger Bestseller positioniert ist. Die Bohnen stammen aus Brasilien, genauer aus der Region Juruaia im Süden von Minas Gerais, und setzen sich aus verschiedenen Arabica-Varietäten wie Catuai, Bourbon und Mundo Novo zusammen. Die Aufbereitung erfolgt über unterschiedliche Verfahren wie Natural und Pulped Natural, wodurch eine ausgeprägte Süße und ein rundes Aromaprofil entstehen sollen. In der Tasse zeigt sich Klassik genau so, wie man es von einem modernen Alltagskaffee erwartet: ausgewogen, zugänglich und unkompliziert. Bereits der Duft erinnert an Schokolade und geröstete Nüsse. Im Espresso treten diese klassischen Noten deutlich hervor und werden von einer angenehmen Süße begleitet. Die Säure bleibt sehr zurückhaltend, Bitterstoffe sind sauber eingebunden.
Besonders gelungen ist die Balance zwischen Körper und Trinkbarkeit. Klassik möchte nicht mit exotischen Fruchtnoten überraschen, sondern liefert genau das, was viele Kaffeetrinker suchen: einen runden, harmonischen Kaffee, der sowohl pur als auch mit Milch funktioniert. Gerade als Cappuccino oder Latte Macchiato spielt diese Röstung ihre Stärken aus, da die schokoladigen Noten hervorragend mit der Cremigkeit der Milch harmonieren.
Kräftig – mehr Intensität ohne unangenehme Härte
Die zweite Variante trägt den Namen Kräftig und richtet sich an alle, die einen intensiveren Kaffee bevorzugen. Auch hier stammen die Bohnen aus Brasilien und bestehen aus 100 Prozent Arabica. Der Unterschied liegt vor allem in der Ausrichtung des Röstprofils: Dunklere Geschmacksnuancen, mehr Tiefe und ein kräftigerer Charakter stehen im Vordergrund.
Im Vergleich zur Klassik-Röstung präsentiert sich Kräftig deutlich voluminöser. Schon beim ersten Schluck zeigen sich intensive Noten von dunkler Schokolade und Karamell, begleitet von würzigen Nuancen. Trotz der kräftigeren Ausrichtung bleibt der Kaffee erstaunlich ausgewogen. Die Röstung wirkt nicht verbrannt oder übermäßig bitter, sondern behält eine angenehme Süße.
Gerade im Zusammenspiel mit Milch zeigt diese Sorte ihre Stärke. Cappuccino und Latte Macchiato profitieren von der höheren Intensität, da der Kaffee auch gegen die Milchstruktur präsent bleibt. Für Liebhaber klassischer, kräftiger Kaffeeprofile ist Kräftig daher eine spannende Alternative zu vielen traditionellen Espressoröstungen.
Decaf – entkoffeinierter Kaffee mit überraschend viel Charakter
Entkoffeinierte Kaffees genießen häufig noch immer einen eher schlechten Ruf. Zu oft werden sie mit einem Verlust an Aroma und Charakter verbunden. Coffeeness möchte mit der Sorte Decaf zeigen, dass auch ein Kaffee ohne Koffein geschmacklich überzeugen kann.
Die Grundlage bildet kolumbianischer Arabica aus der Region Huila. Die Bohnen werden mit der sogenannten Sugar-Cane-Methode entkoffeiniert, einem Verfahren, bei dem Ethylacetat aus Zuckerrohr verwendet wird. Ziel ist es, möglichst viele der ursprünglichen Aromen zu erhalten.
Geschmacklich überrascht Decaf positiv. Bereits im Duft zeigen sich süße Noten von Schokolade und Nuss. Im Geschmack kommen zusätzlich Anklänge von Marzipan hinzu, die dem Kaffee eine besondere Charakteristik verleihen. Die Säure bleibt angenehm niedrig, der Körper wirkt weich und rund. Natürlich erreicht ein entkoffeinierter Kaffee nicht immer dieselbe aromatische Tiefe wie ein vergleichbarer koffeinhaltiger Spezialitätenkaffee. Dennoch zeigt Decaf eindrucksvoll, dass Verzicht auf Koffein nicht automatisch Verzicht auf Genuss bedeutet. Besonders für den späten Nachmittag oder Abend ist diese Sorte eine überzeugende Alternative.
Unser Fazit: Gelungener Kaffee für Vollautomaten-Liebhaber
Die drei Sorten, die Coffeeness in Zusammenarbeit mit Backyard Coffee produziert hat, bietet einen unkomplizierten Einstieg in unterschiedliche Kaffeecharaktere und bringt euch leckeren Kaffee in die Maschine!
Die Klassik-Röstung überzeugt als harmonischer Allrounder mit Schokolade, Nuss und angenehmer Süße. Kräftig richtet sich an alle, die mehr Intensität und dunklere Aromen bevorzugen, ohne auf Balance verzichten zu wollen. Decaf beweist, dass entkoffeinierter Kaffee durchaus spannend und aromatisch sein kann.
Natürlich richten sich die Kaffees vor allem an Nutzer von Kaffeevollautomaten und weniger an Kaffeeliebhaber, die auf der Suche nach extrem komplexen Third-Wave- oder Microlot-Kaffees sind. Genau hier liegt aber auch seine Stärke: Coffeeness liefert unkomplizierten, hochwertigen Kaffee für den täglichen Genuss.
Für alle, die ihren Vollautomaten besser kennenlernen und verschiedene Geschmacksrichtungen ausprobieren möchten, ist der Kaffee von Arne und Wolfram eine klare Empfehlung. Wir bedanken und bei Arne Preuß von Coffeeness für die freundliche Unterstützung.
Bild 1: (c) inn-joy.de, Bild 2: (c) Backyard Coffee, Bild 3 (c) Coffeeness, Text: M. Heiland
