Zum Hauptinhalt springen
| Marc Heiland | Konsolen

ApartmentUrbane Legenden gehören seit jeher zu den dankbarsten Inspirationsquellen für Horrorfilme und -spiele. Sie verbinden Alltägliches mit dem Unheimlichen, arbeiten mit Halbwahrheiten, Gerüchten und dem diffusen Gefühl, dass „irgendetwas nicht stimmt“.

Eine dieser Legenden ist das Mysterium um „Apartment 129“. Dieses geheimnisvolle Zimmer soll sich irgendwo in der Türkei befinden, in einer nicht näher benannten Stadt. Der Überlieferung nach kamen dort im Jahr 2009 zwei junge Mädchen während eines von ihnen selbst durchgeführten satanischen Rituals ums Leben. Anwohner berichteten damals von massiven Erschütterungen, die einem Erdbeben geglichen haben sollen – obwohl es für diesen Zeitraum keinerlei seismografische Aufzeichnungen innerhalb der Türkei gibt. Die Ereignisse versetzten die Bewohner des Hauses in derart große Angst, dass sie ihre Wohnungen verließen und nie wieder zurückkehrten. Zurück blieb ein verlassenes Gebäude, ein klassischer „Lost Place“, um den sich fortan Mythen und Spekulationen rankten.

Diese düstere Legende bildet die Grundlage für das gleichnamige Spiel „Apartment 129“, das kürzlich für PC, PlayStation 5 und Xbox Series erschienen ist. Entwickelt und veröffentlicht wurde der Titel von Dead Witness. In der Rolle des Content Creators Emir begeben wir uns auf Spurensuche, um das verlassene Gebäude und letztlich das titelgebende Apartment zu erkunden. Was sich vielversprechend anhört, entpuppt sich jedoch leider schnell als ernüchternde Erfahrung.

Alles ein wenig anders – aber nicht besser
Produktionen aus der Türkei sind auf dem internationalen Spielemarkt nach wie vor eine Seltenheit. Entsprechend groß war unsere Neugier, was „Apartment 129“ abseits des bekannten Horror-Einheitsbreis zu bieten hat. Mit einer Downloadgröße von unter 7 GB und einer Spielzeit von rund zwei Stunden ist der Titel bewusst kompakt gehalten. Bereits der Einstieg fällt ungewöhnlich aus: Das Spiel beginnt mit einem Telefonat zweier realer Personen, die sich über die urbane Legende austauschen. Authentisch wirkt das durchaus – allerdings ist das Gespräch vollständig auf Türkisch. Zwar gibt es deutsche Untertitel, diese werden jedoch teilweise in einem Tempo eingeblendet, das das Lesen unnötig erschwert. Dieses Problem zieht sich leider auch durch die wenigen weiteren Dialoge im Spiel.
Inhaltlich bleiben diese Gespräche ohnehin eher schmückendes Beiwerk. Die Handlung selbst ist kaum mehr als ein dünner Rahmen: Wir wollen ein Video für unseren YouTube-Kanal drehen, erkunden das Gebäude, laufen durch endlose Flure, spähen in Zimmer – und hoffen, dass irgendwann etwas passiert. Lange Zeit passiert jedoch genau das nicht.

Träge Technik statt subtiler Spannung
Grafisch macht „Apartment 129“ zunächst keinen schlechten Eindruck. Die Umgebungen sind stimmungsvoll gestaltet, die Texturen ordentlich, das Spiel setzt konsequent auf Dunkelheit und eine Taschenlampe als primäre Lichtquelle. Das Problem: Nach vergleichsweise häufigen Ladebildschirmen muss die Taschenlampe jedes Mal erneut manuell im Inventar ausgewählt werden. Das reißt nicht nur aus der Atmosphäre, sondern wirkt schlicht unnötig umständlich.
Das Inventarsystem selbst erinnert stark an frühe „Resident Evil“-Ableger und darf ohne Übertreibung als antiquiert bezeichnet werden. Was dort einst Spannung erzeugte, wirkt hier wie ein Relikt aus einer anderen Zeit – ohne spielerischen Mehrwert.
Noch gravierender fällt jedoch die Steuerung ins Gewicht. Unser Protagonist bewegt sich, als hätte er Bleigewichte an den Füßen. Während er problemlos längere Strecken joggt, ohne auch nur ansatzweise außer Atem zu geraten, fühlt sich jede Drehung um die eigene Achse an, als würde man einen Supertanker wenden. Gerade in einem Horrorspiel, in dem das Erkunden der Umgebung und das schnelle Reagieren auf Ereignisse essenziell sind, ist diese Trägheit ein echter Spielspaßkiller.
Die ersten 15 Minuten bestehen nahezu ausschließlich aus monotonem Umherlaufen durch Korridore, dem Begutachten leerer Räume und dem Verschieben von Kisten – letzteres so uninspiriert und langsam umgesetzt, dass wir mehrfach ernsthaft überlegt haben, das Spiel vorzeitig abzubrechen.

Kaum Atmosphäre, kaum Schrecken
Auch akustisch bleibt „Apartment 129“ weit hinter seinen Möglichkeiten zurück. Das Sounddesign ist unspektakulär und schafft es nur selten, Spannung aufzubauen. Wenn etwas Unheimliches geschieht – ohne an dieser Stelle zu spoilern –, dann wirkt es vertraut, vorhersehbar und in anderen Spielen bereits deutlich effektiver umgesetzt. Nichts davon geht wirklich unter die Haut oder sorgt für anhaltendes Unbehagen.
In solchen Momenten sind wir beinahe erleichtert, dass der Titel vergleichsweise günstig angeboten wird. Wäre der Preis höher angesetzt, wäre die Enttäuschung entsprechend größer ausgefallen.

Fazit
Selten haben wir eine derart kurze Testphase erlebt – und ebenso selten waren wir von einem Spiel so enttäuscht. „Apartment 129“ scheitert in nahezu allen entscheidenden Disziplinen. Statt Angst und Beklemmung erzeugt der Titel vor allem Langeweile. Die träge Steuerung raubt jegliche Dynamik, insbesondere bei Begegnungen mit den wenigen „Gegnern“ und beim Erkunden der Umgebung. Die Grafik ist solide, verliert aber durch die starke Einschränkung auf den Lichtkegel der Taschenlampe schnell ihren Reiz. Die 3vollständige türkische Sprachausgabe trägt zwar zur Authentizität bei, wird jedoch durch schlecht lesbare deutsche Untertitel konterkariert.
Selbst die kurze Spielzeit von zwei, maximal drei Stunden fühlt sich stellenweise zäh an. Zwar ist der Preis niedrig angesetzt, doch selbst dafür bietet „Apartment 129“ zu wenig Substanz, zu wenig Spannung und zu wenig spielerische Qualität. Eine Kaufempfehlung können wir daher nicht aussprechen.

D. Stappen

Impressum - Datenschutz

Copyright 2016 © Inn-Joy.de All Rights Reserved. 

Joomla! © name is used under a limited license from Open Source Matters in the United States and other countries.