Marvel's Wolverine im Test – Viel Blut, wenig Abwechslung (PS5 Pro)
Wolverine ist eine Figur, die geradezu danach schreit, in einem Videospiel die Krallen auszufahren. Unverwundbar, brutal, schnell und mit einem Heilfaktor ausgestattet, der selbst schwerste Verletzungen zur Nebensache macht. Insomniac Games, die bereits mit ihren Spider-Man-Spielen bewiesen haben, dass sie Superhelden hervorragend ins interaktive Medium übertragen können, schickt den wohl berühmtesten X-Man nun erstmals in ein eigenes großes Abenteuer.
Die Voraussetzungen könnten also kaum besser sein. Und tatsächlich hat Marvel's Wolverine einige starke Momente. Doch je länger man mit Logan unterwegs ist, desto deutlicher zeigt sich ein Problem: Ausgerechnet ein Spiel über einen Charakter, der für seine kompromisslose Wildheit steht, fühlt sich erstaunlich schnell berechenbar und monoton an.
Ein schwieriger Einstieg
Die Geschichte setzt einige Jahrzehnte nach Logans erster Begegnung mit Nathaniel Essex ein. Wolverine ist inzwischen Teil von Team X und wird mit der Untersuchung verschwundener Mutanten und den Aktivitäten des Wissenschaftlers Bolivar Trask betraut. Von dort führt die Reise an unterschiedliche Schauplätze rund um den Globus und immer wieder zurück in Logans Vergangenheit.
Grundsätzlich funktioniert dieser Ansatz. Die Geschichte versucht, Wolverine nicht lediglich als blutrünstige Kampfmaschine zu zeigen, sondern als einen Mann, der mit seiner Vergangenheit, seinen Instinkten und der Frage nach seiner eigenen Identität kämpft. Gerade in den ruhigeren Momenten bekommt Logan eine überraschend menschliche Seite.
Allerdings macht es das Spiel Einsteigern nicht gerade leicht. Wer mit Wolverine, den X-Men und den zahlreichen Figuren und Zusammenhängen des Marvel-Universums weniger vertraut ist, dürfte gerade zu Beginn einige Fragezeichen über dem Kopf haben. Vieles wird vorausgesetzt, während die Handlung gleichzeitig versucht, mehrere Ebenen miteinander zu verbinden.
Hinzu kommt ein ausgesprochen zäher Einstieg. Statt mich sofort in Wolverines Welt hineinzuziehen, musste ich mich zunächst durch vergleichsweise unspektakuläre Abschnitte kämpfen. Erst später nimmt die Geschichte spürbar Fahrt auf.
Wolverine kämpft – und kämpft – und kämpft
Das Herzstück des Spiels ist natürlich der Kampf. Und zunächst macht dieser auch richtig Spaß. Wolverines Klauen fühlen sich wuchtig und präzise an. Angriffe, Ausweichmanöver, Paraden und Spezialattacken greifen sauber ineinander. Je aggressiver Logan vorgeht, desto schneller füllt sich seine Wutanzeige. Dazu kommt sein Heilfaktor, der hervorragend zum Charakter passt und dafür sorgt, dass man sich nicht ständig auf die Suche nach irgendwelchen Heilgegenständen machen muss.
Das Problem ist nicht, wie sich Wolverine kämpft. Das Problem ist, wie oft man dasselbe tun muss. Denn Marvel's Wolverine ist ausgesprochen repetitiv. Immer wieder geht es durch einen mehr oder weniger linearen Abschnitt, bis sich plötzlich eine Arena öffnet und die nächste Gegnerwelle über Logan hereinbricht. Nahkämpfer, Schützen, stärkere Gegner – die Zusammensetzung ändert sich zwar, die grundlegende Vorgehensweise aber nur selten. Was anfangs noch befriedigend ist, nutzt sich deshalb erstaunlich schnell ab. Nach einigen Stunden hatte ich nicht mehr das Gefühl, Wolverine zu spielen, sondern vielmehr immer wieder dieselbe Kampfsequenz in leicht veränderter Verpackung. Auch wenn man alternativ Gegner auch schleichend erledigen kann.
Zu viel des Guten
Und dann wäre da noch die Gewalt. Dass ein Wolverine-Spiel brutal werden würde, war zu erwarten. Eigentlich gehört die kompromisslose Gewalt sogar zum Charakter. Insomniac geht hier allerdings derart konsequent zu Werke, dass es teilweise schlicht übertrieben wirkt. Körper werden zerfetzt, Gliedmaßen abgetrennt und Gegner mit den Adamantium-Klingen regelrecht auseinandergenommen. Technisch sind die Animationen beeindruckend. Die Inszenierung der Finisher ist teilweise spektakulär und die Kamera fängt die Bewegungen dynamisch ein. Nur: Irgendwann stumpft auch das ab.
Wenn nahezu jeder Kampf in einem Blutbad endet, verliert selbst die eigentlich charakteristische Brutalität ihre Wirkung. Der hohe Gore-Faktor wird damit vom stilistischen Markenzeichen zunehmend zum Selbstzweck. Weniger wäre hier an manchen Stellen tatsächlich mehr gewesen.
Das Kampfsystem entwickelt sich kaum weiter
Besonders problematisch ist, dass das Spiel seine wichtigste Mechanik nicht konsequent weiterentwickelt. Zwar lassen sich zusätzliche Fähigkeiten und Spezialangriffe freischalten, doch die Auswahl bleibt überschaubar und viele Möglichkeiten stehen bereits relativ früh zur Verfügung. Dadurch fehlt über weite Strecken das Gefühl, Logan wirklich weiterzuentwickeln.
Neue Gegner sorgen theoretisch für Abwechslung, verlangen aber häufig lediglich dieselben Reaktionen wie zuvor. Selbst wenn stärkere Gegner oder unterschiedliche Gegnertypen auftauchen, bleibt das grundlegende Muster erhalten: ausweichen, parieren, angreifen, heilen – und anschließend die nächste Welle überstehen.
Gerade hier hätte ich mir deutlich mehr Mut gewünscht.
Lineare Welt statt großer Freiheit
Wer die Spider-Man-Spiele von Insomniac kennt, dürfte außerdem überrascht sein, wie linear Wolverine ausfällt. Statt einer weitläufigen offenen Welt gibt es überwiegend klar abgegrenzte Areale und lineare Missionen. Das muss grundsätzlich kein Nachteil sein. Eine konzentrierte, erzählerisch dichte Kampagne kann hervorragend funktionieren. Marvel's Wolverine nutzt diese Linearität allerdings nicht immer optimal.
Viele Abschnitte bestehen aus dem Durchqueren von Korridoren, dem Untersuchen von Gegenständen und dem anschließenden Kampf. Selbst kleinere Rätsel oder Interaktionsmöglichkeiten bleiben häufig sehr oberflächlich. Ein Beispiel dafür sind Passagen, in denen man lediglich einem Hinweis folgt und Logan die eigentliche Lösung praktisch selbst präsentiert. So entstehen immer wieder längere Phasen, in denen schlicht nicht besonders viel passiert.
Zwischen Gewalt und Ruhe
Interessanterweise sind es ausgerechnet die ruhigen Passagen, die mir teilweise besser gefallen haben als die Action. Die Begegnungen mit Figuren wie Mystique, Jean Grey oder Sabretooth geben Logan eine emotionale Ebene, die dem Charakter guttut. Besonders Jean Grey funktioniert als Gegenpol zu Wolverine und verleiht der Geschichte zusätzliche Tiefe.
Hier zeigt sich, was in Marvel's Wolverine eigentlich stecken könnte: eine persönlichere Geschichte über einen Mann, der versucht, seine Vergangenheit und seine animalische Seite mit seinem Bedürfnis nach menschlicher Nähe in Einklang zu bringen. Leider bleiben viele Nebenfiguren dagegen erstaunlich blass. Logan und Jean bekommen den nötigen Raum, während andere Charaktere häufig nur auftauchen, um die Handlung voranzutreiben oder Wolverine kurzzeitig aufzuhalten.
Das führt zu einem merkwürdigen Rhythmus: blutige Action folgt auf ruhige Charakterpassage, darauf folgt wieder blutige Action. Ein ausgewogenerer Mittelweg hätte dem Spiel gutgetan.
Schöne Momente, aber technisch nicht beeindruckend genug
Visuell hat Marvel's Wolverine durchaus seine Höhepunkte. Einige Schauplätze sind atmosphärisch gestaltet und bestimmte Sequenzen entwickeln echten Blockbuster-Charakter. Eine Verfolgungsjagd durch das nächtliche Tokio gehört beispielsweise zu den Szenen, die zeigen, was Insomniac bei der Inszenierung eigentlich leisten kann.
Gerade deshalb fällt die technische Präsentation insgesamt umso stärker ab.
Auf der PS5 Pro hatte ich schlicht mehr erwartet. Statt eines Spiels, das die zusätzliche Leistung der Konsole eindrucksvoll demonstriert, wirkt Marvel's Wolverine in vielen Szenen eher wie ein Titel, der technisch nur begrenzt von der aktuellen Hardwaregeneration profitiert. Die Grafik erinnert teilweise eher an ein aufpoliertes PS4-Spiel als an einen echten Vorzeigetitel für die PS5 Pro.
Das betrifft insbesondere Umgebungen, Texturen und manche Animationen. Während einzelne Charaktermodelle und die großen Actionszenen überzeugen können, fehlt insgesamt der Wow-Effekt, den man von einem exklusiven PlayStation-Titel dieser Größenordnung erwarten könnte.
Sammeln statt Entdecken
Natürlich gibt es auch abseits der Hauptmissionen einiges einzusammeln. Materialien, Whiskyflaschen und andere Objekte liefern Ressourcen für Outfits und Fähigkeiten. Über 30 verschiedene Kostüme und Krallen lassen sich zudem miteinander kombinieren. Das ist nett, aber kein echter Motivationsschub.
Viele Sammelobjekte fühlen sich eher nach Beschäftigungstherapie als nach sinnvoller Erkundung an. Statt interessante Geheimnisse zu entdecken, läuft man häufig einfach durch die Umgebung und sucht nach dem nächsten Objekt. Etwas mehr spielerische Kreativität hätte hier gutgetan.
Interessanter sind die Albtraumprüfungen. Sie verbinden Kampf- und Bewegungsherausforderungen und bringen zumindest etwas zusätzliche Variation ins Spiel. Auch die darin enthaltenen Erinnerungen aus Logans Vergangenheit sind eine clevere Möglichkeit, optionale Herausforderungen mit erzählerischem Mehrwert zu verbinden.
Bosskämpfe mit Licht und Schatten
Auch bei den Bosskämpfen schwankt die Qualität.
Der Kampf gegen Omega Red funktioniert gut und vermittelt tatsächlich das Gefühl, gegen einen mächtigen Gegner anzutreten. Andere Begegnungen wirken dagegen deutlich weniger inspiriert. Besonders der Kampf gegen einen Sentinel zeigt, wie schnell eine eigentlich spektakuläre Begegnung in monotones Draufhauen umschlagen kann.
Dabei hätte Wolverine gerade bei den Bosskämpfen die Möglichkeit geboten, seine unterschiedlichen Fähigkeiten stärker auszuspielen. Stattdessen bleiben viele Begegnungen relativ ähnlich aufgebaut.
Die Geschichte rettet einiges
Trotz aller Kritik ist Marvel's Wolverine kein schlechtes Spiel. Die Geschichte hat ihre Momente. Logan selbst gehört zu den interessanteren Interpretationen der Figur und wird nicht ausschließlich als brutaler Einzelkämpfer dargestellt. Die ruhigeren Szenen zeigen, dass Insomniac verstanden hat, dass Wolverine mehr ist als seine Krallen. Auch die Inszenierung einzelner Sequenzen ist stark. Ebenfalls gelungen ist die deutsche Sprachausgabe, bei der Fans vielleicht die Stimme von Hugh Jackman vermissen wird. Da es sich hier aber um einen anderen Schauspieler handelt, wäre dies jedoch unsinnig gewesen.
Mit rund 15 Stunden ist das Abenteuer nicht besonders lang. Dass ich trotzdem bereits deutlich vor dem Ende das Gefühl hatte, genug gekämpft zu haben, ist deshalb ein ernsthaftes Problem. Die zentrale Gameplay-Schleife nutzt sich einfach zu schnell ab.
Fazit
Marvel's Wolverine hat ein starkes Fundament, aber zu wenig Abwechslung, um daraus ein herausragendes Superheldenspiel zu machen. Insomniac gelingt eine interessante und teilweise überraschend emotionale Interpretation von Logan. Die Figur selbst funktioniert, einige Charakterbeziehungen sind gelungen und die großen Actionsequenzen können spektakulär ausfallen. Dem steht allerdings ein Gameplay gegenüber, das sich über weite Strecken zu stark wiederholt. Das Kampfsystem macht zunächst Spaß, verliert aber aufgrund fehlender Weiterentwicklung schnell seinen Reiz. Die Missionen folgen häufig demselben Muster, die Erkundung bleibt oberflächlich und der extrem hohe Gore-Faktor nutzt sich ebenso ab wie die Kämpfe selbst. Auf der PS5 Pro kommt zudem die Technik nicht so zur Geltung, wie man es von einem großen PlayStation-Exclusive erwarten könnte.
Gerade grafisch wirkt Marvel's Wolverine stellenweise überraschend altbacken. Wolverine hätte mehr verdient als immer neue Gegnerwellen.
Marvel's Wolverine ist deshalb ein solides, unterhaltsames Actionspiel mit einer guten Hauptfigur und einigen starken Momenten – aber eben kein neues Meisterwerk von Insomniac. Wer Wolverine liebt und sich gerne mit Adamantium-Klingen durch Gegnerhorden arbeitet, bekommt durchaus seine Unterhaltung. Alle anderen dürften sich spätestens nach einigen Stunden fragen, wann endlich etwas Neues passiert.
