WPM Primus unter der Lupe - Was macht die Siebträgermaschine so interessant?
Es ist eines der Highlights im diesjährigen Kaffeeuniversum. Die Rede ist vom Start der „WPM Primus“ in Europa und bei uns im deutschsprachigen Raum. Bereits vor einigen Monaten durften wir bei der Kaffeerösterei „Karabusta“, die den Vertrieb u.a. für die DACH-Region innehat, begutachten und auch auf dem Frankfurt Coffee Festival im September war die Maschine von zahlreichen Messebesucherinnen und Besuchern heiß begehrt und der Stand von Karabusta belagert worden. Nun hatten wir endlich die Möglichkeit, die Maschine auf Herz und Nieren zu testen.
In vielfacher Hinsicht anders als der Mainstream
Für uns steht die WPM Primus sinnbildlich für einen Moment, in dem sich professionelle Espressotechnik spürbar von ihrem elitären Image löst und in Reichweite ambitionierter Heimbaristi wie auch kleiner gewerblicher Setups rückt. Diese Maschine ist nicht einfach ein weiteres Modell im dicht besetzten Markt hochwertiger Siebträger, sondern ein bewusst gesetztes Statement: Präzision, Kontrolle und technologische Raffinesse müssen weder unverständlich noch unbezahlbar sein. Genau dieser Anspruch prägt die Primus von der ersten Inbetriebnahme bis zum letzten Schluck Espresso.
Bereits der erste Kontakt vermittelt, dass WPM hier nicht auf schnelle Effekte, sondern auf Substanz gesetzt hat. Das Edelstahlgehäuse wirkt massiv und durchdacht, nichts klappert, nichts fühlt sich improvisiert an. Auch die Brühgruppe, der Kessel und zentrale Komponenten bestehen aus Edelstahl und unterstreichen den professionellen Anspruch der Maschine. Trotz dieser Robustheit bleibt das Gesamtbild angenehm kompakt, was sie sowohl für kleinere Cafés als auch für anspruchsvolle Heimküchen interessant macht. Einzig die Tatsache, dass die Maschine bei uns über die Fläche unserer Arbeitszeile nach vorne hervorragt, ist ein kleiner Nachteil. Daher sollte sie bei euch, wenn ihr euch für eine Primus entscheiden solltet, möglicherweise quer stehen.
Besonders der externe Wassertank ist eine konstruktive Entscheidung, die nicht nur Platz spart, sondern auch Flexibilität ermöglicht. Wer möchte, kann den Tank dank verlängertem Schlauch auch unter der Arbeitszeile verstecken. In diesem Fall verschwindet der Tank vollständig aus dem Setup, ohne dass die Maschine an Eleganz verliert.
Technisch betrachtet liegt das Herzstück der Primus in ihrem ungewöhnlichen Heizkonzept. Formal handelt es sich um eine Einkreis-Maschine, praktisch jedoch um ein hybrides System, das die klassischen Grenzen dieser Bauart auflöst. Ein vergleichsweise kleiner Kessel dient der thermischen Vorstabilisierung, während zwei PID-gesteuerte Thermoblöcke – einer für das Brühen, einer für den Dampf – die Feinarbeit übernehmen. Das Resultat ist eine extrem kurze Aufheizzeit, die im Alltag eher an moderne Thermoblockmaschinen erinnert, kombiniert mit einer Temperaturkonstanz, die man sonst eher bei deutlich größeren und teureren Systemen erwartet. Innerhalb weniger Minuten ist die Primus bereit, und auch bei mehreren Bezügen hintereinander bleibt die Temperatur reproduzierbar stabil. Besonders bemerkenswert ist dabei die Möglichkeit, Espresso zu brühen und gleichzeitig Milch aufzuschäumen – ein Komfortmerkmal, das üblicherweise Zweikreis- oder Dualboiler-Maschinen vorbehalten ist.
Mindestens ebenso prägend für das Charakterbild der Primus ist ihre Pumpe. WPM setzt hier auf eine Zahnradpumpe, eine Komponente, die man selbst in vielen hochpreisigen Maschinen vergeblich sucht. Im Betrieb zeigt sich sofort, warum diese Bauart in der Szene so geschätzt wird. Die Maschine arbeitet auffallend leise, nahezu unaufdringlich, selbst dann, wenn der Druck über den gesamten Bereich von einem bis zwölf Bar variiert wird. Noch wichtiger als die Geräuschkulisse ist jedoch die Präzision. Der Brühdruck lässt sich in feinen 0,1-Bar-Schritten steuern und während der Extraktion aktiv verändern. Damit wird eine Form der Druckprofilierung möglich, die ansonsten nur deutlich teureren Systemen vorbehalten ist und dem Nutzer erlaubt, das sensorische Ergebnis gezielt zu formen.
Diese technische Tiefe wäre wenig wert, wenn sie nicht sinnvoll zugänglich gemacht würde. Genau hier überzeugt die WPM Primus mit einer außergewöhnlich gelungenen Benutzeroberfläche. Statt einer Vielzahl von Tasten setzt WPM auf ein rundes LCD-Display, das direkt am Brühkopf sitzt und alle relevanten Parameter übersichtlich visualisiert. Druck, Durchfluss, Bezugszeit und Temperatur sind jederzeit im Blick. Gesteuert wird das System über ein umlaufendes Bedienelement, das sich intuitiv drehen und drücken lässt. Die Interaktion wirkt schnell, logisch und angenehm direkt, ohne technisches Vorwissen vorauszusetzen.
Viele Wege führen zum perfekten Espresso
In der Praxis bietet die Primus unterschiedliche Bedienphilosophien, ohne sich auf eine festzulegen. Wer maximale Kontrolle sucht, kann den Bezug vollständig manuell steuern und den Druck ähnlich wie bei einer klassischen Handhebelmaschine in Echtzeit variieren, allerdings mit deutlich höherer Reproduzierbarkeit. Wer strukturierter arbeiten möchte, nutzt halbautomatische Profile, bei denen verschiedene Druckstufen definiert und während des Bezugs bewusst abgerufen werden. Schließlich gibt es vollautomatische Abläufe, bei denen Vorbrühung, Druckverlauf und Bezugsdauer vollständig programmiert sind. Besonders überzeugend ist dabei die Möglichkeit, eigene Profile zu speichern und jederzeit wieder abzurufen. Ein einmal perfektionierter Espresso lässt sich so zuverlässig reproduzieren, was sowohl im gewerblichen Alltag als auch zu Hause einen echten Mehrwert darstellt.
Geschmacklich profitiert der Espresso deutlich von dieser technischen Freiheit. Unterschiedliche Bohnen, Röstgrade und Rezepturen lassen sich gezielt herausarbeiten, ohne dass man sich zwangsläufig in komplexe Experimente verstricken muss. Wer möchte, kann die Primus auch ganz klassisch mit konstanten neun Bar betreiben und erhält einen sauberen, balancierten Espresso auf sehr hohem Niveau. Die Maschine zwingt niemanden zur Spielerei, eröffnet aber ein enormes Potenzial für alle, die tiefer einsteigen wollen.
Natürlich bleibt auch bei einem so ambitionierten Konzept Raum für Kritik. Die Brühgruppe und der Siebträger folgen einem herstellerspezifischen Design, was bedeutet, dass nur WPM-Siebträger passen. Zwar ist das Format mit 58 Millimetern kompatibel zu gängigen Sieben und Zubehör, dennoch schränkt diese Entscheidung die Auswahl an Drittanbieter-Siebträgern ein – ein Punkt, der gerade für enthusiastische Nutzer relevant ist. Ebenso verzichtet die Primus auf einige Komfortfunktionen, die man in dieser Geräteklasse vereinzelt findet. Eine Brühung nach Gewicht, die Einbindung externer Bluetooth-Waagen oder eine App-Anbindung sind ebenso wenig vorhanden wie ein Temperatursensor in der Dampflanze. Diese Abwesenheiten schmälern den Gesamteindruck nicht gravierend, machen aber deutlich, dass WPM hier bewusst Prioritäten gesetzt hat.
In der Gesamtbetrachtung fällt vor allem das Preis-Leistungs-Verhältnis ins Gewicht. Die WPM Primus positioniert sich in einem Segment, in dem viele bekannte Namen deutlich höhere Preise aufrufen, ohne einen vergleichbaren Funktionsumfang zu bieten. Maschinen wie die Decent DE1 oder Modelle aus dem Hause La Marzocco gelten als Referenzen, bewegen sich jedoch in ganz anderen Preisregionen und verzichten teils sogar auf eine echte Druckprofilierung. Vor diesem Hintergrund wirkt die Primus mit knapp unter 2000 Euro fast provokant günstig, insbesondere wenn man die verbaute Zahnradpumpe und das hybride Heizsystem berücksichtigt.
Unterm Strich präsentiert sich die WPM Primus als eine der spannendsten Espressomaschinen ihrer Generation. Sie verbindet professionelle Technik mit einer bemerkenswert zugänglichen Bedienung und einer Verarbeitungsqualität, die Vertrauen schafft. Für kleine Cafés, mobile Setups oder ambitionierte Heimbaristi bietet sie ein Maß an Kontrolle und Konstanz, das vor wenigen Jahren noch unvorstellbar gewesen wäre. Die Primus ist nicht perfekt, aber sie ist mutig, durchdacht und in ihrer Gesamtheit außergewöhnlich stimmig. Wer Espresso nicht nur trinken, sondern verstehen und gestalten möchte, findet hier ein Werkzeug, das diesen Anspruch ernst nimmt und dabei erstaunlich bodenständig bleibt.
Wir bedanken uns bei der Kaffeerösterei Karabusta für das zur Verfügung gestellte Testexemplar der WPM Primus.
Text und Test: M. Heiland, N. Herkenhoff