Vorstellung und ausgewählte Sorten im Test: Kaffeemanufaktur WOKE.UP aus Isenbüttel
In den vergangenen 10 Jahren haben wir über 250 Kaffeeröstereien in ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz vorgestellt. Manche sind im Laufe der Zeit zu Freunden geworden, zu vielen pflegen wir engen Kontakt. Was wir in all den Jahren festgestellt haben ist nicht nur, dass viele Inhaberinnen und Inhaber der Röstereien häufig Seiten- bzw. Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger sind, sondern auch ganz spezielle Wege verfolgten, bevor sie ihr Weg zum Kaffee brachte. Oftmals waren es eher unvorhersehbare Momente, Begegnungen mit Menschen aus der Kaffee-Szene oder einfach Dinge, die zu einem Neustart und einem Ausbrechen aus dem alten Leben führen sollten. So wie bei Renate und Tina von der Kaffeemanufaktur WOKE.UP.
Eine Frage, die alles veränderte
Wie die beiden auf ihrer Homepage verraten, begann ihr gemeinsamer Weg zur Rösterei mit einer Frage, die sich die Meisten von uns bestimmt häufiger im Leben schon gestellt haben: „Sind wir wirklich glücklich – oder nur zufrieden?“ Aus diesem Moment der Unruhe entstand WOKE.UP, eine Kaffeemanufaktur aus Isenbüttel, die weit mehr ist als nur eine Rösterei. Sie ist eine Vision, geboren aus Leidenschaft für außergewöhnlichen Kaffee und dem festen Glauben, dass Genuss nur dann echt ist, wenn Verantwortung und Haltung ihn begleiten.
Jede Bohne erzählt hier eine Geschichte. Auf der Reise durch neue Länder, Kulturen und Geschmackswelten wurde klar: Kaffee ist weit mehr als ein Getränk – er ist ein Erlebnis, ein verbindendes Ritual, ein Spiegel für die Werte der Menschen, die ihn anbauen. Genau diese Erkenntnis formte die Idee von WOKE.UP: exzellenter Spezialitätenkaffee, der Genuss mit ethischem Handeln verbindet.
Doch der Weg dorthin war nicht einfach. Schnell stießen die Gründer:innen auf eine Realität, die sie herausforderte: Nicht überall auf der Welt werden Menschenrechte respektiert – und als Ehepaar in der LGBTQ+-Community spürten sie direkt, wo Grenzen nicht nur metaphorisch, sondern real sind. Statt Kompromisse einzugehen, entschieden sie sich, einen anderen Weg zu gehen: Kaffee, der auf Fairness, Nachhaltigkeit und Respekt basiert – und gleichzeitig höchste Qualität liefert.
Die Philosophie von WOKE.UP ist klar: Jede Bohne muss für Werte stehen. Mit einem dreistufigen Auswahlverfahren prüfen sie Qualität, Produktionsbedingungen und Menschenrechte. Die Zusammenarbeit erfolgt nur mit Farmen und Kooperativen, die Diversität respektieren und faire Bedingungen schaffen. Länder werden nicht pauschal bewertet, sondern die Menschen und Prinzipien vor Ort. Das absolute Minimum: Keine Kriminalisierung der sexuellen Orientierung. So entstehen Sorten, die nicht nur schmecken, sondern Haltung zeigen.
Und auch die Röstung trägt diesen Anspruch: „Röstbert“, wie sie ihren elektrischen PROBAT-Röster liebevoll nennen, verbindet Handwerkskunst mit modernster Technik. Fossilfrei, effizient, mit bis zu 99 % gefilterten Emissionen, bringt er jede Bohne perfekt zur Entfaltung – und schont dabei die Umwelt. So wird jede Tasse WOKE.UP-Kaffee zu einem Erlebnis, das Aromen, Geschichte und Werte vereint.
WOKE.UP ist also ganz klar mehr als ein Kaffee – es ist ein Statement. Jede Tasse erzählt von Respekt, Vielfalt und Verantwortung. Vom Anbau bis zur Röstung wird deutlich: Hier geht es nicht nur um Genuss, sondern um Haltung, die man schmecken kann. Wer WOKE.UP probiert, genießt nicht nur außergewöhnlichen Kaffee – er erlebt eine Marke, die mit Leidenschaft, Mut und Überzeugung die Welt des Kaffees neu definiert.
Übersicht über das Sortiment
Aktuell (Stand 3/26) hat die Rösterei zwei Filterkaffees und zwei Espresso-Sorten im Sortiment. Im Online Shop könnt ihr jede Sorte in den Packungsgrößen zu 100 g oder 250 g als ganze Bohne kaufen. Ein Abo wird ebenfalls angeboten. Zu den unterschiedlichen Sorten gibt es auf der Homepage des Unternehmens umfassende Informationen zur genauen Herkunft des Rohkaffees, zur Anbauhöhe, zum Kaffeebauern, zur vorliegenden Varietät, und auch zur Aufbereitungsmethode des Rohkaffees. Dieser wird in Zusammenarbeit mit verschiedenen Farmern und Kooperativen importiert, wodurch man auf Zwischenhändler verzichtet und selbst Einfluss auf die Qualität des eingekauften und damit veredelten Kaffees hat.
Die Sorten in der Vorstellung und im Geschmackstest
Für unseren Test haben wir von der Kaffeerösterei WOKE UP 3 Sorten zugeschickt bekommen. Damit haben wir (mit einer Ausnahme) das komplette Sortiment im Test.
Schauen wir uns – wie immer – zunächst einmal die Beutel an, in denen der Kaffee verpackt wird: Hierbei handelt es sich um komplett recyclebare -Standbeutel mit Zip-Verschluss. Diese sind wiederverschließbar, um so die Aromen länger zu erhalten. Auf der Vorderseite der Beutel finden wir den Namen des Kaffees bzw. Espressos, das Logo der Kaffeerösterei, die grobe Herkunft des Rohkaffees, die Füllmenge und die Intensität. Auf der Rückseite gibt es die leider nichts aussagende Angabe, dass es sich beispielsweise um 100% Arabica, sowie stichpunktartige Angaben zum Charakter des Kaffees. Darunter findet sich ein kleiner Infotext zum Unternehmen. Oben eingestempelt sehen wir das MHD. Das Röstdatum ist leider nicht vorhanden, kann aber zurückgerechnet werden. Weitere Infos gibt es ausschließlich auf der Homepage.
Zubereitung
Für den Test haben wir den Espresso im Siebträger getestet mit 18g in und 36-42g out bei ca. 30 Sekunden Laufzeit, den Filterkaffee bei ca. 20g auf 300g Wasser. Unser Brührezept: 50g Wasser aufgießen und 30 sek. bloomen lassen. Wiederholung (50g Wasser aufgießen, 30 sek. bloomen lassen), anschließend restliches Wasser (200g) in 20-30 sek. aufgießen. Gesamte Brühzeit: 2:40 – 3:15 Min., Trinktemperatur: 50-55°C.
Ein Wort zum Bohnenbild, dass die Qualität des Kaffees bzw. der Röstung rein optisch bereits vor der Verkostung darstellt: Dieses ist gut; Defekte sind nahezu keine zu erkennen. Auch das Röstbild ist sehr homogen.
Espresso „Harald“ – klar, sanft, intensiv
Hinter dem Namen Harald verbirgt sich ein Espresso, der Charakter zeigt, ohne laut zu sein. Er kommt aus Dipilto, im nördlichen Hochland Nicaraguas, auf 1.200 bis 1.500 Metern Höhe angebaut. Die Varietäten Caturra, Catuaí und Catimor werden in sorgfältiger Handarbeit gewaschen aufbereitet und von der Kooperative Cafetos de Segovia begleitet – gegründet 2015 von den Schwestern Ana und Martha Albir Sotomayor.
Unser Eindruck: Beim ersten Schluck fällt sofort die Klarheit auf: rote Beeren treffen auf Milchschokolade, ergänzt von zarten Zitrus- und Honignoten. Der Körper ist saftig und seidig, die Frische angenehm, die Balance harmonisch. Harald wirkt wie ein Espresso, der nachklingt – aromatisch, strukturiert, voller Respekt für Herkunft und Handwerk.
Besonders beeindruckend: Dieser Espresso überzeugt subtil, durch Tiefe und Präzision, und zeigt, wie viel Sorgfalt in jeder Bohne steckt. Wer Harald genießt, spürt die Verbundenheit zwischen Farmer:innen, Kooperative und Rösterei – ein Kaffee, der Haltung schmeckbar macht.
Espresso „Guido“ – sonnig, rund, elegant
Mit Guido reisen wir nach Kolumbien, in die Region Huila, wo die Bohnen zwischen Orangenbäumen wachsen. Ein Espresso, der die Sonne im Geschmack trägt: leicht zitrisch, doch harmonisch eingebunden in eine süße, karamellige Grundstruktur.
Die Varietäten Castillo und Colombia sorgen für Balance, die gewaschene Aufbereitung für klare, reine Noten. Im Mund überrascht Guido durch seine weiche Textur und einen langen, eleganten Nachklang. Jede Tasse ist sonnig, aber niemals aufdringlich – ein Espresso, der einfach „gut“ ist.
Die Geschichte dahinter macht ihn noch besonderer: Kleinbäuer:innen arbeiten in Verbund, unterstützen sich gegenseitig und erhalten technische Beratung, faire Preise und Schulungen. Guido ist also nicht nur ein Kaffee, sondern ein Stück kolumbianische Kaffeeleidenschaft, die man schmeckt – sonnig, freundlich, rund.
Filterkaffee „Ruby“ – komplex, fruchtig, ausdrucksstark
Wenn man an Filterkaffee denkt, denkt man oft an Zurückhaltung. Ruby widersetzt sich diesem Klischee. Dieser Microlot aus Kolumbien (Oporapa, Huila) ist ein kleiner Schatz: 1.950 Meter Höhe, Pink Bourbon, liebevoll fermentiert in zwei Schritten. Das Ergebnis? Ein Kaffee, der in jeder Tasse komplex, klar und lebendig ist.
Unser Eindruck: Beim ersten Schluck öffnen sich Noten von Erdbeere, Panela und Ananas – fruchtig, süß und dennoch elegant. Das Mundgefühl ist seidig, die Struktur ausgewogen, die Balance aus Komplexität und Zugänglichkeit perfekt. Hinter Ruby stehen die Brüder Edier und Fabian Vargas, die ihre kleine Farm gemeinsam mit Freunden in traditioneller Minga-Kultur bewirtschaften. Jede Bohne ist handverlesen, jede Fermentation sorgfältig kontrolliert. Ruby ist Filterkaffee mit Herz und Verstand: ein Kaffee für alle, die nicht nur trinken, sondern erleben wollen, was Handwerk, Natur und Vision zusammen erschaffen. Jede Tasse ist ein Statement für Qualität, Verantwortung und Geschmack.
Fazit: Drei Kaffees, die Haltung zeigen! WOKE.UP macht keinen gewöhnlichen Kaffee. Jeder Espresso, jede Filterbohne erzählt von Herkunft, Sorgfalt und Verantwortung. Harald überzeugt durch feine Struktur und seidige Eleganz, Guido begeistert mit sonniger Balance und sanfter Süße, Ruby entfaltet komplexe Fruchtigkeit und florale Tiefe, die im Mund lebendig wird.
In Sachen Nachhaltigkeit und Fairness bietet die Kaffeemanufaktur in Punkto Transparenz, Fairness und Nachhaltigkeit viele Informationen. Was wir noch vermissen, sind Informationen, wie die Kaffeebauern vor Ort unterstützt werden, was gezahlt wird etc. Insgesamt gibt es von uns für das „Gesamtpaket“ eine klare Kaufempfehlung.
Zusammensetzung der Gesamtbewertung:
Qualität: 9 von 10 Punkten
Fairness und Nachhaltigkeit: 8 von 10 Punkten
Geschmack: 9 von 10 Punkten
Transparenz: 8 von 10 Punkten
Wir bedanken uns bei WOKE.UP für freundliche Unterstützung und die zur Verfügung gestellten Sorten.
D. Stappen
