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| Marc Heiland | Konsolen

GollumAls das Hamburger Entwicklerstudio Daedalic 2019 ankündigte, ein neues Spiel aus dem „Herr der Ringe“-Universum zu entwickeln, bei dem Gollum im Mittelpunkt steht, war ich sowohl neugierig als aus skeptisch. Neugierig, weil endlich mal keine Elben, Magier oder ähnliche bekannte Figuren im Mittelpunkt stehen würden, sondern der kleine, seelisch zerrissene Anti-Held. Skeptisch, weil mit Daedalic zwar ein guter Publisher an dem Spiel arbeiten würde, aber eben keiner, der für AAA-Spiele bekannt ist. Nun, nach zahlreichen Verschiebungen, ist der Titel endlich erhältlich und wir haben uns anhand der PS5-Fassung ein Bild vom Zustand des fertigen Spiels gemacht.

Endlich mal ein unverbrauchter Charakter!

Mit Gollum steht vielleicht nicht unbedingt ein Sympathieträger aus dem großen HdR-Universum im Mittelpunkt eines Spiels. Dafür bietet seine innere Zerrissenheit und der gegensätzliche Seelenzustand zwischen Smeagol und Gollum viel emotionales Potential, welches auch hier ganz gut eingefangen wird. Die inneren Monologe zeigen bereits in den ersten Spielminuten Wirkung und man fühlt sich auf gewisse Weise mit dem lichtscheuen Wesen verbunden. Die Story ist auch eine der wenigen Stärken des Spiels.

Doch das war es dann fast auch schon. Denn über das Gameplay, die Grafik und Teile des Sounds kann man eigentlich nicht viel Gutes sagen. Das fängt bereits bei der stellenweise sehr altbackenen Grafik an, die zwar hin und wieder recht ansehnliche Szenarien auf den heimischen Fernseher zaubert, dafür aber die NPCs wie stellenweise aus PS3-Zeiten wirken lässt. Ein Beispiel: Recht weit zu Beginn des Spiels trefft ihr auf den „dürren Mann“. Dieser sieht nicht nur furchtbar schwach animiert aus und wirkt, als hätte er nicht nur zu viele Überstunden im Steinbruch getätigt, sondern auch ordentlich tief in die Flasche geschaut. Sein Bart und seine Haare wirken steif und unnatürlich. Über Gestik und Mimik wollen wir erst gar nicht sprechen. Diese groben Beschreibungen passen auf nahezu alle NPC-Charaktere. Abstürze, wie andere Kollegen sie zu Protokoll geben, hatten wir in unserem Test jedoch keine.

Weiter geht es bei der störrischen Kamera, die in engen Bereichen in die Ego-Perspektive wechselt, wobei sie uns nicht selten zu wenig Sicht frei gibt, was bei schnellem Vorwärtskommen müssen hinderlich ist. In den unterschiedlichen Arealen ist es leider auch nicht immer besser. Dies hat dann zur Folge, dass ihr oft im „Blindflug“ durch die Gegend springt. Auch das Springen und Klettern macht nur kurzfristig Spaß, da es an Übersicht mangelt und zu wenig Abwechslung herrscht. Und wenn ich zum x-ten Male in den Tod stürze, nur weil irgendetwas mit der Kamera oder der Steuerung nicht zu 100 Prozent klappt, geht mir der Spielspaß spätestens dann ab. Und so habe ich bereits im dritten Kapitel den Controller zur Seite gelegt und mich geärgert. Gleiches gilt auch für die Flucht vor Tieren. Diese gelingt nicht immer, da die Kamera nicht mitspielt, ihr euch nicht immer punktgenau irgendwo festhalten könnt oder sich ein Schalter nicht sofort umlegen lässt.

Der nächste Punkt ist das Schleichen. Dieses ist nervig und bietet keinerlei taktisches Vorgehen, zumal die Level komplett linear aufgebaut sind. Eigene Herangehensweisen? Erforschen von Arealen? Alles Fehlanzeige! Und wenn ihr dann mal einen der zahlreichen Orks von hinten aus angreifen und ihm das Lebenslicht auslöschen wollt, geht dies häufig schief, da es viel zu lange dauert, bis ihr den Gegner hinterrücks erledigt habt! Dass Gollum im Spiel nicht besser, stärker oder schneller wird – geschenkt! Dass jedoch über die inneren Monologe hinweg kaum Identifikationspotential mit dem ehemaligen Beutlin geboten wird, zeigt mir, dass die Entwickler irgendwie nicht allzu viel mit ihrem Protagonisten anfangen konnten. Ein weiteres Indiz, das diese Theorie stützt ist, dass die Story rund um Gollum zwar gut geschrieben ist, die Auswahl von Argumenten als Gollum oder Smeagol kaum oder nur selten nennenswerte Auswirkungen auf den Verlauf der Story hat. Das Überzeugen von Smeagol durch Gollum, um Feinde zu töten, ist gelungen und auch das Zügeln von Gollums Wesen zündet. Und dennoch bietet es zu wenig Tiefgang und Potential.

Einen Pluspunkt bekommt der Titel eindeutig für die deutsche Synchronstimme von Gollum. Dessen Sprecher macht eine wirklich hervorragende Arbeit und gefiel mir persönlich im Test stellenweise noch besser als der Sprecher Gollums in den Filmen. Leider hat das Budget der Entwickler wohl nicht für andere ebenso gute Sprecher gereicht, da die NPCs (wie zum Beispiel Gandalf) weniger charismatisch daher kommen.

5Fazit: Es hätte so schön sein können, mit Gollum durch bekannte und neue Areale zu streifen. Doch leider hakt es an allen Ecken und Enden, sodass unterm Strich nur wenig bleibt, das wir dem Titel zugute halten können.

Die inn-joy Redaktion vergibt 5 von 10 Punkten.

Die inn-joy Redaktion bedankt sich bei Daedalic für das zur Verfügung gestellte Testmuster.

U. Sperling

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