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| Marc Heiland | Konsolen

AdInfinitumPC- und Videospiele, die den Zweiten Weltkrieg zum Thema haben, gibt es bekanntlich wie Sand am Meer. Meist wurden diese im Ausland, als Ländern, die in den Kriegen als die „Alliierten“ und nach dem Krieg als „Siegermächte“ bezeichnet wurden, konzipiert und entwickelt. Spiele, die den Ersten Weltkrieg zum Thema haben, gibt es nur in geringer Zahl. Auch diese wurden – in den meisten Fällen – von den Gewinnern des Kriegs umgesetzt. Doch wie sieht ein Spiel aus, welches von Nachfahren derjenigen entwickelt wird, die – laut „Versailler Vertrag“ – als „Kriegsschuldige“ in Form des damaligen Kaisers Wilhelm II. bezeichnet wurden? Wie gehen sie heute, fast 110 Jahre nach dem Ausbruch dieses als „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ bezeichneten Krieges, der über 20 Millionen Menschenleben forderte, mit dem Krieg, dem Leid, der Zerstörung und den Traumata, um? All diesen Fragen versuchen sich die Entwickler des kleinen Berliner Studios „Hekate“ mit ihrem Erstling „Ad Infinitum“ zu widmen. Wir durften den äußerst verstörenden Titel für euch auf der PS5 testen.

Wenn Krieg Seelen zerbricht

Die Geschichte rund um „Ad Infinitum“ spielt gegen Ende des Ersten Weltkriegs. In Ego-Perspektive, um das Geschehen noch intensiver zu machen, schlüpft ihr in die Haut eines deutschen Soldaten aus adeligem Haus. Gezeichnet von den Erlebnissen des Krieges und gefangen zwischen Realität und Wahnsinn, erleben wir eine Geschichte, die zwischen Traum und Traumata, Gegenwart und Vergangenheit und den Kriegseindrücken hin und her springt und alle Beteiligten in einen Sog von negativen Emotionen mit hinabreißt. Dabei hat das Entwicklerteam sich an einer historischen Figur orientiert. Denn das mittlerweile verstorbene Oberhaupt der Familie, dem wir in unserem Abenteuer immer wieder anhand von Gedankenmonologen begegnen, ist Lothar von Schmitt, (der in der Geschichte des Deutschen Kolonialismus Lothar von Trotha hieß und durch seinen „Schießbefehl“ im Herero- und Namakrieg 1904 bekannt wurde). Er war im Kaiserreich unter Kaiser Wilhelm II. ein gefeierter Held und prägt auch das Anwesen, auf dem wir uns einen Großteil des Spiels befinden, noch nach seinem Tod hinaus. Überall finden wir Bilder und Gemälde historischer Persönlichkeiten wie Friedrich dem Großen, Kaiser Wilhelm II. und Otto von Bismarck.

Dass die Familie zeitlebens an der übermächtigen Figur des Lothar von Schmitt litt, erfahren wir dann durch unzählige Briefe, die überall in der Spielwelt herumliegen und die wir aufsammeln müssen, um alles zu verstehen oder auch wichtigen Hinweisen nachgehen zu können. Denn obwohl „Ad Infinitum“ ein Psycho-Horrorspiel ist, wartet es mit zahlreichen, gut gemachten Rätseln auf, die ihr meistens über die Briefe, aber auch über Hinweise in der Umgebung löst. Wenn ihr nicht im Haus der Familie von Schmitt unterwegs seid, wo Vergangenheit und Gegenwart aufeinandertreffen und in einem grausamen Finale gipfeln, bewegt ihr euch durch die Schützengräben und über die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs im Niemandsland irgendwo in Frankreich. Auf Soldaten, die euch ans Leder wollen, trefft ihr dabei äußerst selten. Vielmehr sind es die Ängste der Soldaten, denen ihr ausgesetzt seid. Granatenangriffe, Giftgas, Schlamm bis zur Hüfte und vieles mehr, wird hier so beeindruckend, aber auch vor allem bedrückend inszeniert, dass wir während unseres Tests immer wieder kurze Pausen einlegen mussten. Selten hat uns ein Setting in letzter Zeit derart emotional belastet. Den Entwicklern gelingt hier in Sachen Atmosphäre ein kleines Meisterwerk, da sich die Grafik – bis auf wenige Ausnahmen – auf hohem Niveau bewegt. Und auch die Vertonung ist weitgehend gelungen, besitzt aber einige kleinere Schwächen. So wurden nicht alle Texte ins Deutsche übersetzt. Denn obwohl es sich bei „Studio Hekate“ um ein deutsches Entwicklerteam handelt, hat man das Spiel auf Englisch produziert, um es dann zurückzuübersetzen. So kann man es einem internationalen Markt besser anbieten.

Ein Wort zur Steuerung: Hier gibt es ebenfalls Licht und Schatten. Wie aus anderen genrebekannten Titeln ist das Öffnen von Türen ein wenig umständlich. So müsst ihr diese zunächst greifen, um sie dann mit einer Stick-Bewegung entweder zu euch hinzuziehen oder von euch wegzudrücken. In einigen Rätselpassagen müsst ihr dann auch recht genau sein, um das Rätsel lösen zu können. Immerhin gibt das Spiel euch einige Hinweise, wo wichtige Punkte zu bedienen sind. Gleichzeitig lässt es euch schon ausreichend Freiraum, um die Lösungen zu entdecken. Ein wenig schade ist, dass es die Entwickler versäumt haben, hier die Features des DualSense-Controllers einzubinden. Gerade bei diesem Titel hätte sich dies angeboten, um eine noch bessere Immersion zu erlangen. Gekämpft wird in „Ad Infinitum“ ganz selten und die Bosskämpfe, von denen es einige gibt, funktionieren in den meisten Fällen durch Nachdenken, Ausweichen und manchmal auch in Verbindung mit kleineren Knobelaufgaben. Nach ungefähr acht Stunden habt ihr die drei umfangreichen Kapitel, die ihrerseits nochmal unterteilt wurden, bewältigt. Da es verschiedene Enden gibt, könnt ihr theoretisch das Spiel nochmal angehen. Ob ihr euch allerdings nach dieser Tour de Force das Ganze nochmal antun wollt – uns hat einmal gereicht.

Fazit: „Ad Infinitum“ ist ein erstklassiger Psycho-Horror, mit dem das Berliner Entwicklerteam von „Studio Hekate“ zeigt, dass die Leiden eines Krieges über mehrere Generationen hinweg Spuren auf der Seele hinterlassen. Freund und Feind werden hier nie ganz klar aufgezeigt, da in einem Krieg alles Täuschung sein kann und daher ist man als Spieler auch hin- und hergerissen zwischen dem Verständnis für die Charaktere. 8Grafisch und in Sachen Sounddesign spielt „Ad Infinitum“ in der oberen Liga mit und leistet sich in Sachen Atmosphäre keine wirklichen Schnitzer. Wer sich diesem emotional fordernden Thema, das nach wie vor auch nicht zuletzt aufgrund des aktuellen Ukrainekriegs aktuell ist, aussetzen will, sollte sich das Spiel kaufen.

Die inn-joy Redaktion vergibt 8 von 10 Punkten.

Die inn-joy Redaktion bedankt sich bei NACON für das zur Verfügung gestellte Testexemplar.

L. Zimmermann

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