Sumerian Six: Wenn das Mimimi-Erbe weiterlebt (PS5-Review)
Der Schock saß tief, als das deutsche Studio Mimimi Games im Jahr 2023 überraschend seine Schließung verkündete. Für Fans taktischer Echtzeit-Schleichspiele bedeutete das mehr als nur das Ende eines Entwicklerteams – es war der Verlust eines Studios, das ein fast vergessenes Genre wiederbelebt hatte. Spiele wie Shadow Tactics: Blades of the Shogun, Desperados III und zuletzt Shadow Gambit: The Cursed Crew hatten bewiesen, dass anspruchsvolle Stealth-Taktik auch im modernen Spielemarkt funktionieren kann.
Umso größer war die Neugier, als 2024 plötzlich ein Titel erschien, der auf den ersten Blick wie ein geistiger Nachfolger dieser Designphilosophie wirkte: Sumerian Six. Entwickelt vom polnischen Studio Artificer Games und veröffentlicht von Devolver Digital, erinnert das Spiel auf den ersten Blick stark an die Werke von Mimimi – allerdings mit einer deutlich verrückteren Prämisse. Rund anderthalb Jahre nach der ursprünglichen PC-Veröffentlichung ist das Spiel nun auch auf der PlayStation 5 erschienen, wobei die Konsolenportierung vom Studio Crunching Koalas übernommen wurde. Die große Frage lautet also: Kann dieses Spiel die Lücke füllen, die Mimimi hinterlassen hat, und funktioniert das komplexe Taktik-Gameplay auch auf der Konsole?
Die Handlung von Sumerian Six spielt in einer alternativen Version des Zweiten Weltkriegs, in der Wissenschaft, Okkultismus und übernatürliche Kräfte eine entscheidende Rolle spielen. Im Zentrum steht das sogenannte Enigma-Team, eine Gruppe aus sechs außergewöhnlichen Wissenschaftlern und Spezialisten, die versuchen, die Welt vor den gefährlichen Experimenten der Nazis zu retten. Diese forschen nämlich an einer mysteriösen Energiequelle, dem sogenannten Geiststoff, der enorme Kräfte freisetzen kann und damit das Potenzial besitzt, den Verlauf des Krieges grundlegend zu verändern. Die Missionen führen das Team durch verschiedene von den Deutschen besetzte Anlagen – von schwer bewachten Burgen über unterirdische Bunker bis hin zu geheimen Forschungslaboren, in denen mit dämonischen Beschwörungen experimentiert wird.
Die Atmosphäre erinnert dabei weniger an eine realistische Kriegsdarstellung als vielmehr an eine Mischung aus pulpigem Abenteuer, Comic und Science-Fiction-Thriller. Historische Ernsthaftigkeit steht hier nicht im Mittelpunkt; stattdessen setzt das Spiel bewusst auf überzeichnete Figuren, bizarre Experimente und eine Handlung, die eher an klassische Abenteuerfilme erinnert.
Spielerisch orientiert sich Sumerian Six deutlich an Klassikern wie der legendären Commandos-Reihe. Die Perspektive ist isometrisch, die Level sind weitläufig und voller Wachen, Sicherheitsmechanismen und patrouillierender Soldaten. Ziel ist es fast immer, unbemerkt durch diese Anlagen zu navigieren, Gegner auszuschalten und schließlich ein bestimmtes Missionsziel zu erreichen. Was zunächst simpel klingt, entpuppt sich schnell als komplexes taktisches Puzzle. Jede Karte ist so aufgebaut, dass der Spieler ständig die Bewegungsmuster der Gegner analysieren, Sichtkegel beobachten und den perfekten Moment für einen Angriff abpassen muss. Die Level sind dabei clever strukturiert und bestehen aus einer Reihe kleinerer Bereiche, die jeweils wie ein eigenes Rätsel funktionieren. Oft steht man vor einer Gruppe von Wachen, die sich gegenseitig beobachten, wodurch ein direkter Angriff unmöglich wird. Stattdessen muss man überlegen, wie sich die Fähigkeiten der eigenen Charaktere kombinieren lassen, um eine Lücke im Verteidigungsnetz zu finden.
Der größte Reiz des Spiels liegt tatsächlich in seinem ungewöhnlichen Team aus sechs spielbaren Figuren. Jeder Charakter verfügt über ganz eigene Fähigkeiten, die nicht nur einzeln funktionieren, sondern sich auch miteinander kombinieren lassen. Der erste spielbare Charakter, Sid, kann beispielsweise Gegner kurzzeitig blenden und sogar auf patrouillierenden Feinden huckepack reiten, wodurch man ganze Wachgruppen umgehen kann. Ein anderer Wissenschaftler besitzt die Fähigkeit, Gegner vollständig aufzulösen, sodass ihre Leichen nicht entdeckt werden können. Wieder ein anderer kann die Position mit einem Feind tauschen und ihn damit direkt in einen Hinterhalt teleportieren. Besonders absurd – und gleichzeitig sehr unterhaltsam – ist jedoch ein Teammitglied, das sich in einen gewaltigen Werbären verwandeln kann, der ganze Gruppen von Gegnern mit brutaler Effizienz ausschaltet. Hinzu kommen weitere Werkzeuge wie Unsichtbarkeitsanzüge, Blendgranaten oder Betäubungsfähigkeiten. Besonders clever ist die Möglichkeit, die Zeit anzuhalten, um mehrere Aktionen gleichzeitig zu planen. So lassen sich komplexe Angriffe koordinieren, bei denen mehrere Teammitglieder im exakt richtigen Moment zuschlagen. Wenn ein solcher Plan aufgeht, fühlt sich das Ergebnis enorm befriedigend an und gehört zu den größten Stärken des Spiels.
Die neun Missionen des Spiels sind überraschend umfangreich und bieten eine große Vielfalt an taktischen Situationen. Die Level sind nicht nur groß, sondern auch ausgesprochen detailreich gestaltet. Dabei bleibt das Spiel seinem Puzzlecharakter treu: Jeder Abschnitt stellt den Spieler vor die Aufgabe, eine Gruppe von Gegnern zu überwinden, ohne entdeckt zu werden. Allerdings bringt dieses Design auch eine gewisse Herausforderung mit sich. Sumerian Six besitzt eine ziemlich steile Lernkurve und verlangt von Anfang an ein gutes Verständnis seiner Mechaniken. Tutorials fallen eher knapp aus, und vieles erschließt sich erst durch Ausprobieren. Das bedeutet zwangsläufig, dass man häufig entdeckt wird oder einen Alarm auslöst. Offene Kämpfe sind in der Regel keine gute Idee, denn die Gegner sind zahlenmäßig überlegen und rufen schnell Verstärkung. In solchen Momenten bleibt oft nur eine Lösung: den Spielstand neu laden und einen anderen Ansatz ausprobieren. Glücklicherweise erlaubt das Spiel jederzeit schnelles Speichern, was im Genre der Echtzeit-Taktikspiele praktisch Pflicht ist. Die künstliche Intelligenz der Gegner wirkt dabei manchmal erstaunlich simpel. Wachen kehren häufig recht schnell zu ihrer Routine zurück, selbst wenn mehrere Kameraden plötzlich verschwunden sind. Doch dieses Verhalten scheint bewusst so gestaltet zu sein, um den Spielfluss nicht zu sehr auszubremsen. Zwar sind die Gegner nicht besonders aufmerksam, doch sie gleichen das durch ihre große Anzahl und ihre strategische Platzierung aus. Viele Bereiche sind so aufgebaut, dass sich die Wachen gegenseitig im Blick behalten. Wird ein Gegner entdeckt oder eine Leiche gefunden, kann eine ganze Kettenreaktion entstehen, die den sorgfältig ausgearbeiteten Plan innerhalb von Sekunden zunichtemacht.
Die PS5-Version von Sumerian Six funktioniert grundsätzlich gut, allerdings merkt man dem Spiel deutlich an, dass es ursprünglich für PC und Maussteuerung entwickelt wurde. Besonders die Kamera wirkt auf dem Controller gelegentlich etwas umständlich zu bedienen, da die Perspektive klar auf die Präzision einer Maus ausgelegt ist. Noch problematischer ist allerdings die Skalierung der Benutzeroberfläche. Auf einem Full-HD-Fernseher können Texte und Symbole teilweise sehr klein wirken, was das Lesen erschwert. Auf einem modernen 4K-Fernseher fällt dieses Problem deutlich weniger ins Gewicht, doch Spieler mit älteren Displays könnten hier Schwierigkeiten bekommen. Diese Schwäche erinnert ein wenig an andere PC-Portierungen, bei denen die Anpassung an Konsolen nicht vollständig gelungen ist.
Abseits dieser technischen Einschränkungen überzeugt das Spiel jedoch durch seine Präsentation. Der visuelle Stil setzt auf eine stilisierte Comic-Optik, die hervorragend zur überdrehten Handlung passt. Die Umgebungen sind abwechslungsreich gestaltet und reichen von düsteren Festungen über geheimnisvolle Forschungslabore bis hin zu okkulten Ritualstätten. Diese Mischung aus historischem Setting und übernatürlichen Elementen verleiht dem Spiel eine ganz eigene Atmosphäre. Auch der Soundtrack unterstützt dieses Abenteuergefühl und erinnert stellenweise an klassische Spionage- und Abenteuerfilme.
Fazit: Am Ende bleibt Sumerian Six ein bemerkenswert gelungenes Echtzeit-Taktikspiel, das vieles von dem aufgreift, was Fans des Genres so lieben. Die Kombination aus kreativen Charakterfähigkeiten, cleverem Leveldesign und zahlreichen taktischen Möglichkeiten sorgt für ein Gameplay, das auch nach vielen Stunden noch spannend bleibt. Zwar erreicht das Spiel nicht ganz die Perfektion seiner offensichtlichen Vorbilder, doch es zeigt eindrucksvoll, dass das Genre auch nach dem Ende von Mimimi Games weiterleben kann. Die PS5-Version bringt einige technische Schwächen mit sich, insbesondere bei der Benutzeroberfläche und der Steuerung, doch wer sich davon nicht abschrecken lässt, bekommt ein anspruchsvolles und äußerst unterhaltsames Stealth-Taktikspiel. Für Fans von Spielen wie Shadow Tactics, Desperados III oder klassischen Commandos-Abenteuern ist Sumerian Six deshalb eine klare Empfehlung – vorausgesetzt, man bringt Geduld, taktisches Denken und die Bereitschaft mit, auch einmal mehrere Anläufe zu nehmen, um den perfekten Plan zu schmieden.
